Donnerstag, 7. Dezember 2017

Ein Anfang



Je mehr Wertschätzung wir aus uns selbst heraus für uns selbst empfinden, desto unabhängier werden wir von dem was andere von uns denken könnten, desto unabhängiger werden wir von der Umwelt, desto weniger fühlen wir uns gezwungen etwas darzustellen oder beweisen zu müssen, desto unabhängiger werden wir davon andere manipulieren oder benutzen zu wollen. Desto unabhängiger werden wir davon etwas von Anderen zu erwarten, was wir uns selbst nicht geben können.
Aber woher diese Wertschätzung nehmen, wenn wir sie nicht fühlen?
Indem wir ohne den alten Schleier dessen, was uns den wertschätzenden Blick auf uns selbst verhüllt, mit klarem Blick auf den Menschen schauen, der wir sind. Indem wir auf das schauen, was wir Tag für Tag gut machen und nicht auf das, was wir noch besser machen könnten.
Das könnte ein Anfang sein!

Namaste Ihr Lieben

Sonntag, 3. Dezember 2017

Hinter der Mauer



Foto: Aw

Er tut so als würde ihm nichts etwas ausmachen. Er tut auch so, wenn er mir gegenüber sitzt in unseren Stunden. Er ist stark und autonom. Er braucht niemanden. Die Anderen sind ihm sogar oft lästig. Manchmal regen sie ihn auf. Besonders, die, die ewig nur rumsitzen und jammern und nichts ändern wollen. Das regt ihn richtig auf, aber auch immer weniger. "Sollen die doch machen was sie wollen", meint er und dass er sich nicht mehr um andere kümmert. Er leistet sich Empathie nicht mehr. Er hat schlechte Erfahrungen gemacht mit seiner Empathie. Sie hat nichts geholfen, damals als er versuchte sie zu retten. Er meint die Frau, die er liebte und die sich selbst zerstörte mit dem Alkohol, von dem sie nicht lassen konnte. Seit damals hat eine Mauer um sich gezogen. Ich höre zu und denke, ich möchte einen Hammer und einen Meisel nehmen und die Mauer langsam und vorsichtig herunterklopfen, um ihn für sich selbst wieder erreichbar zu machen und für die Frau mit der er jetzt zusammen ist. Ich sehe den Mann hinter der Mauer, der fühlen will und mitfühlen will, der lieben und geliebt werden will und es sich selbst nicht mehr erlaubt.

Ich sage ihm, dass ich die Mauer und den Mann hinter der Mauer fühlen kann. Er wehrt energisch ab. Ihm gehe es gut so wie es ist. "Ich will mich nicht mehr ohnmächtig fühlen. Ich will nicht mehr so viel fühlen. Empathie macht verletztbar", sagt er. Ich spüre wie er versucht seine Unsicherheit wegzulächeln. "Ich habe mein Leben im Griff. Alles funktioniert. Alles gut. Naja, ich werde alt, darüber mache mir schon manchmal Gedanken, was sein wird, später." Aber er habe vorgesorgt und jetzt habe er ja auch genug Arbeit. Die sei ihm das Wichtigste. "Die Arbeit", sagt er, die beansprucht den ganzen Mann, da ist keine Zeit für etwas anderes". Die Beziehung sei ihm auch langsam zu anstrengend. Er sei lieber allein am Abend. Er gehe immer mehr in Distanz zu seiner Partnerin. "Sie merkt das schon, aber sie beklagt sich nicht", sagt er.  Er grinst verlegen. "Nein, ich will mich nicht mehr einlassen. Dass das nichts bringt, habe ich gelernt. Also wenn ich etwas in meinem Leben gelernt habe, dann das", kommt es im Brustton der Überzeugung.
Er mauert, auch hier in meiner Gegenwart mauert er. Ich sehe wie er mehr und mehr hinter der Mauer verschwindet. "Wenn alles gut ist, warum kommen sie dann zu mir ?", frage ich ihn.
"Na ja", antwortet er, "da ist diese Angst, sie kommt wenn ich einschlafen will, es ist als lege sich ein schwerer Stein auf meine Brust. Das Atmen fällt mir dann schwer und der Schweiß fließt mir aus allen Poren. Ich bekomme richtig Panik. Wenn ich dann endlich einschlafe habe ich Albträume. Am Morgen fühle ich mich nie ausgeschlafen."
"Was macht Ihnen Angst?", frage ich ihn.
"Das ist ja das Problem, ich weiß es nicht", antwortet er.
Ich denke an die Mauer, die ihn von allen trennt, außer vor der Angst. Sie tut ihm nicht gut, die Mauer, auch wenn er glaubt, sie sei sein Schutzschild gegen das Verletztwerden, das er meint niemals mehr aushalten zu können. Sie ist es nicht.
"Die Angst lässt sich nicht einmauern", sage ich und dass es einen Grund gibt, dass sie da ist, weil sie ihm etwas mitteilen will.
"Aber ich weiß nicht was. Sagen sie es mir", bittet er mich.
"Es nützt ihnen nichts, wenn ich es ihnen sage", erwidere ich.
"Aber, ich komme nicht drauf, also bitte sagen sie es mir, sie wissen es doch", sagt er.
"Es macht keinen Sinn, wenn ich es ihnen sage, es ist ihre Angst, die zu ihnen spricht. Ich würde nur vermuten können. Das ist nicht hilfreich", antworte ich.
Er schweigt, missmutig. Eine Weile ist es still.
Ich warte.
"Na ja, ist nicht schön so gar nichts mehr fühlen zu wollen. Und so viel Lebenszeit bleibt mir ja auch nicht mehr."
"Ja", antworte ich, "das will Ihnen ihre Angst sagen."



Donnerstag, 30. November 2017

Aus der Praxis – Der eingebildete Kranke: Hypochondrie verstehen



Foto.AW

Le Malade imaginaire, Der eingebildete Kranke ist eines der berühmtesten Theaterstücke von Moliere und zugleich sein letztes Werk. Die Komödie wurde im Februar 1673 uraufgeführt und Moliere selbst spielte darin die Hauptrolle des Argan. Argan ist besessen: er ist davon überzeugt krank zu sein, aber außer seinen Ärzten glaubt ihm das niemand. Er erhält kein Mitgefühl und alle lachen ihn aus. Es scheint wie eine Ironie des Schicksals, dass Moliere bei der letzten Vorstellung einen Blutsturz erlitt. Der Dichter starb in Kostüm und Maske nur wenige Stunden später.

Heute würde man Argan einen Hypochonder nennen. Menschen mit einer Hypochondrie werden sich in ihm und seiner quälenden wahnhaften Besessenheit wiederfinden, vorausgesetzt sie sind sich ihrer zwanghaften Störung bewusst.

Hypochonder haben eine übersteigert große Angst vor Krankheiten. Ständig kreisen ihre Gedanken sorgenvoll um ihre Gesundheit. Die Angst vor körperlichen Schmerzen, Leiden, Sterben und Tod beherrscht ihren Alltag und legt sich wie eine schwere Nebeldecke über alles andere. Sie sind besetzt von dem Gedanken, eine Krankheit wolle ihnen ans Leben und es ihnen nehmen.
Die Angst des Hypochonders bezieht sich auf alle möglichen Köperteile und die dort potentiell entstehenden oder schon bestehenden Krankheiten, die er vorzugsweise selbst diagnostiziert. Er betreibt extensive Recherchen im Internet oder in medizinischen Fachbüchern in Bezug auf die von ihm gefürchteten Krankheiten. Jedes kleine Wehwehchen kann für ihn Schlimmes bedeuten. Hypochonder achten übersteigert auf jedes noch so kleine Signal ihres Körpers, und nehmen es  bereits in geringer Intensität wahr.  Sie sind felsenfest davon überzeugt an einer Krankheit zu leiden oder demnächst krank zu werden und das immer ernsthaft. Sie rennen ständig zum Arzt um sich zu versichern, dass sie doch nicht so schwer krank sind wie sie glauben und, werden sie ob ihrer Angst und ihren Symptomen, die sie ja haben, nicht ernst genommen, wechseln sie Ärzte und Notfallambulanzen.

Im Kopf des Hypochonders kreist ein Katastrophen-Karussell. Ein Karussell, das in Wahrheit weniger eine Krankheit als eine große Lebensangst am Kreisen hält. Diese Lebensangst ist der Urgrund der Hypochondrie.
Der Hypochonder ist davon überzeugt, dass es ihm nicht gut gehen darf, dass er nicht gesund sein darf, dass er leiden muss. Und er leidet ja auch in seiner sich selbst erfüllenden gelebten Prophezeiung. Hypochonder sind von der Persönlichkeit her oft depressiv-melancholische Menschen. Man schreibt ihnen narzisstische und hysterionische Verhaltensweisen zu, weil sie dramatisieren und nach Aufmerksamkeit schreien. Und das so oft wie der Junge in der Geschichte mit dem Wolf, den er jede Nacht im Dorf ankündigt und der nie kommt, sondern erst dann, als dem Jungen keiner mehr glaubt: Der arme Junge wird schließlich vom Wolf gefressen.

Das Leben mit einem Hypochonder ist anstrengend und es ist anstrengend ein Hypochonder zu sein, denn es ist ein Drama in unzähligen Akten. In seinem hysterischen Krankheitswahn produziert er jedoch unbewusst das Drama selbst. Immer mit einer Hybris und ohne Katharsis. Erlösung hat er nämlich nicht verdient, weil er tief im Innersten glaubt ein gutes und gesundes Leben nicht verdient zu haben oder weil er der Überzeugung ist, dass das Leben krank sein, Leiden und Tod bedeutet.
Diese destruktiven Überzeugungen sitzen wie eine Krebsgeschwulst in seinem Unterbewusstsein. Wer davon überzeugt ist kein gutes gesundes Lebens verdient zu haben, glaubt unbewusst von sich, dass er ein schlechter Mensch ist, nicht wertvoll genug leben zu dürfen und wenn, dann nur leidend und unter Schmerzen. Oder er glaubt, dass er für Etwas bestraft wird, was er einmal getan hat. Meist kommt dieser Glaube aus Introjektionen der Kindheit oder er erwächst aus Fehlern, die er in seinem Leben einmal machte und mit denen er anderen schwer geschadet hat, ohne es zu wollen. Gefühle wie Scham und Schuld spielen bei der Hypochondrie eine große Rolle. Wohlgemerkt all das ist dem Betroffenen nicht bewusst. In sein Bewusstsein schießt nur die Angst – die sich in der Hypochondrie einen Platz sucht, weil ihr wahrer Grund unbekannt ist.

Die Hypochondrie ist ein Symptom, das selbst zur Krankheit wird und ein eigenes Krankheitsbild herausbildet, wenn tiefverdrängte Gefühle nicht erkannt und nicht verarbeitet werden konnten. Die meisten Hypochonder sind hochsensible Menschen. Sie besitzen ein geringeres Selbstbewusstsein verbunden mit erhöhter Empfindsamkeit für alles was verletzend ist und haben eine hohe Vulnerabilität.
Der tiefenpsychologische Erklärungsansatz in Bezug auf die Hypochondrie geht von einem traumatischen Erleben in der Kindheit oder auch im späteren Erwachsenenalter als Auslöser für die spätere Neurose aus. Es ist kein Zufall, dass die Krankheiten, vor denen sich der Hypochonder besonders fürchtet, bei genauer Betrachtung in Beziehung zu früheren Erlebnissen in seiner Biografie steht. Bei Herzangst z.B. kann es sein, dass ein nahe Angehöriger herzkrank war oder früh daran gestorben ist. Auch eine frühe Konfrontation mit dem Tod eines geliebten Menschen in der Kindheit, die nicht verarbeitet werden konnte, kann das Denkmuster: „Das Leben ist tödlich“, so nachhaltig prägen, dass sich im späteren Leben eine Hypochondrie entwickelt. Im Grunde können wir die Hypochondrie als die vom Betroffenen einzig mögliche Bewältigungs- und Selbstheilungsstrategie anderer unbewusster Probleme verstehen. Sie ist ein Schrei nach Sicherheit in einem Leben, das als unsicher und bedrohlich erfahren wurde und wird. Sie ist das Leiden eines Menschen, der sich selbst, dem eigenen Körper und dem Leben, nicht vertraut, weil sein Urvertrauen an einem Punkt in seinem Leben radikal erschüttert wurde. Sie ist ein Schrei nach Zuwendung und Aufmerksamkeit, die schmerzlich vermisst wird und keinen anderen Weg findet als den über die Neurose. 

Der Hypochonder leidet wirklich und wenn er Schmerzen hat fühlt er sie wirklich. Man sollte ihn nicht verlachen wie den Argan in Molieres Komödie. Vielmehr braucht er Annahme, Verständnis für seine Lebens- und Todesangst, Zuwendung, Trost und Liebe und vor allem einen guten Therapeuten, der ihm hilft seiner wahren Angst auf die Spur zu kommen, damit er sie nicht mehr auf seinen Körper projizieren muss. 
Findet der Hypochonder keinen Ausweg lebt er sein einsames Drama weiter – ohne Katharsis wie gesagt, denn auch wenn er ständig mit dem Tod spielt, die Angst vor dem Tod verliert er trotzdem nicht.

www.wende-praxis.de




Dienstag, 28. November 2017

Und wieder Kunst ausstellen



The purpose of art is to raise people to a higher level of awareness
than they would otherwise attain on their own.

George Brassai

Samstag, 25. November 2017

Der Weg zum Selbst

Malerei: AW

Beziehung zu uns selbst. Was ist das?
Die Beziehung zu uns selbst ist nicht das egoistische Lebensgefühl, dem es nur darum geht, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Es ist auch nicht die splendid isolation, der Rückzug in die eigene Welt, die sich nur noch um sich selbst dreht und uns zum Mittelpunkt des eigenen Universums macht. Die Folge von beidem ist innere Vereinsamung. Diese Vereinsamung können wir beobachten, wenn wir genau hinschauen. Sie ist Zeitgeist.
Die zunehmende Vereinzelung des modernen Menschen ist der Ausdruck eines kollektiven Narzissmus, der mehr und mehr zunimmt und Humanität und Empathie zunichte macht. Narzissmus ist geprägt von einem falschen Selbst - ein Selbst, das einer Maske gleicht, einer Fassade, die wir einst aufbauen mussten, um als Kind emotional zu überleben in einer Umgebung, die uns keine Liebe schenken konnte.

Die Sehnsucht nach Geliebt - und Angenommensein ist ein Zeichen des Wunsches ein ganzer Mensch zu sein.

Diesen Wunsch haben alle Menschen, mehr oder weniger bewusst. Was uns allen gemeinsam ist, ist die Sehnsucht nach dem Gefühl von Ganzheit. Das zu erreichen gelingt jedoch nicht über das Verbinden mit einem anderen wie die Erfahrung uns lehrt. Das Gefühl von Ganzheit stellt sich ein, wenn wir in Beziehung mit uns selbst sind, uns mit uns selbst wohlwollend verbinden, bevor wir in der Sehnsucht nach einem Gegenüber schwelgen, weil wir uns mit uns selbst innerlich leer oder sogar schlecht fühlen. Die nach außen gerichtete Suche nach dem oder der idealen Geliebten ist getragen von einer regressiven verzehrenden Sehnsucht, die für die meisten Menschen unerfüllbar bleibt.

Uns selbst unser bester Gefährte zu werden ist eine gesunde Sehnsucht. Sie ist nährend.
Sie macht uns emotional unabhängig von anderen und führt dazu, dass wir uns bewusst uns selbst zuwenden. Nicht dem Fremden, sondern dem Eigenen. Zunächst. Gesunde Sehnsucht ist die Sehnsucht nach seelischer und geistiger Entfaltung, spiritueller Entwicklung und Eigenliebe. All das können wir lernen uns selbst zu erfüllen, indem wir den Zugang zu uns suchen, auch wenn es ein Leben lang dauern mag. Dazu braucht es Momente der Stille, des Alleinseins und innere Einkehr. Dazu braucht es den Mut, was wir in uns selbst hören, sehen und fühlen, auszuhalten und es nicht sofort bewerten, oder es los werden zu wollen. Es braucht einen liebevollen Umgang mit unserer Angst, unserer Fehlbarkeit, unserer Schwäche, unseren Zweifeln und unseren Wunden.
"Wer zur Wahrheit wandert, wandert allein", schreibt Christian Morgenstern in einem Gedicht. Wir allein spüren unsere eigene Wahrheit, keiner kann uns eine Wahrheit weißmachen, wenn sie uns nicht entspricht. Von außen Aufgedrücktes ist immer ein Aufgedrücktes und kein von innen Ausgedrücktes.

Aus Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist, der eigenen Wahrheit Glauben zu schenken, ihr zu vertrauen, sich selbst treu zu sein und nach dieser Treue zu leben. Viele Menschen folgen ihrer inneren Wahrheit nicht. Sie sind sich dieser Wahrheit vielleicht gar nicht bewusst oder sie verleugnen sie vor sich selbst um ihre Komfortzone nicht verlassen zu müssen. Sie dümpeln in ihren selbsterschaffenen Käfigigen und werden dabei immer handlungsunfähiger und resignierter. Sie passen sich an und leiden still.

Das erstickt unsere Kreativität. Wir sehen die Möglichkeiten eines Ausweges nicht mehr. Wir kleben an alten Konditionierungen, fremden Glaubensätzen und vor langer Zeit verinnerlichten Überzeugungen. Wir kleben an der Vergangenheit, an ungesunden Beziehungen, unbefriedigenden Arbeitsstellen, an alten Verstrickungen und alten Verletzungen. Wir kleben an Dingen, Menschen und Süchten, die uns nicht gut tun, wir kleben an einem falschen Selbst. Wir kleben an so vielem, was uns nicht gut tut.

Wie sich bewegen, wenn man festklebt?
Wie kreativ und damit schöpferisch sein, wie uns bewegen, wenn wir kleben bleiben, wiel wir glauben: Es ist wie es ist und weil es so ist, bleibt es so. Es war halt immer so, das ist mein Leben. Ich kann es nicht ändern. Destruktiv ist es, wenn wir glauben, dass die Eltern oder sonst jemand, der uns tief verletzt hat, die Schuld an unserem Leid tragen, wenn wir nach Vergeltung oder Entschuldigungen hecheln, anstatt die Verantwortung für das Jetzt zu übernehmen und zu handeln - und zwar in dem Sinne, das wir jetzt gut zu uns selbst sind und uns selbst nicht weiter antun, was man uns als Kind angetan hat. Die Schuldfrage ist sinnlos,denn sie führt zu rein gar nichts, außer neuem Kummer. Schuld ist der härteste Klebstoff in Beziehungen. Schuld klebt fester aneinander als Liebe und vor allem: Schuld lähmt jede Entwicklung und verhindert Wachstum.

Aber wir kleben weiter an Gewohnheiten und glauben irrsinniger Weise, dass sie uns Halt geben. Wir kleben an unseren Problemen und halten sie aufgrund des Kontextes in dem sie auftreten, in genau diesem Kontext weiter aufrecht und übersehen die Lösung, die im Problem verborgen ist. Alles, weil wir uns im Außen orientieren und nicht lange und nicht intensiv genug nach Innen hören.
Die Erfahrungen, die wir machen können wir nicht ändern - aber wir können ändern, wie wir damit umgehen.

Damit sind unsere Erfahrungen nicht veränderbar, aber unsere Haltung ist es und damit unser Lebensgefühl. Solange wir dazu nicht fähig sind, dreht sich das Rad weiter, in der gleichen Spur. Solange wir das Gleiche denken, das Gewohnte tun, handeln wir fremdgestuert nach den alten Mustern und fühlen und erleben - es bleibt gleich. Damit verabschieden wir uns, manchmal ohne es zu merken, von unseren Träumen. Doch unsere Träume sind der kreative Teil in uns, der nach Leben schreit. Wir hören diesen Schrei aber nicht mehr, weil wir ständig mit dem Außen beschäftigt sind, mit dem Funktionieren, den Erwartungen an andere, dem Kompensieren und der Ablenkung, die uns von uns selbst weglenkt.

Es ist der kreative Teil in uns, den wir in der Stille spüren. Und dann kommt die Wehmut, ihn nicht leben zu können.
Wir ersticken unser wahres Selbst mitsamt unseren Träumen.
Aber da liegt er, dieser kostbare Kern unseres Seins - auf dem tiefen Grund unserer Seele und wir leben etwas gänzlich anderes - nämlich an uns selbst vorbei und über uns selbst hinweg.
Wir missachten unsere Träume bis sie verdorrt sind wie eine keimende Pflanze, die wir ab und an betrachten und die wir wunderschön finden und doch vergessen zu pflegen. Wie soll sie wachsen und blühen, wenn wir ihr keine Aufmerksamkeit schenken?
Unsere Träume sind ein kreativer Teil in uns, jeder einzelne Traum enthält jede Menge kreative Energie.

Kreativität heißt erschaffen.
So wie die Schöpfung uns Menschen erschaffen hat, ist das Nutzen unserer Kreativität ein Akt des Erschaffens und zwar uns selbst, nach unserem Bilde. Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, heißt es - und damit ist das göttliche Prinzip gemeint, genauer - das schöpferische Prinzip. Weil wir ein Teil dieses Prinzips sind, besitzen wir dieses schöpferische Potential - es ist in uns angelegt und wartet nur darauf zu fließen. Wenn wir das göttliche Prinzip in uns nicht aktivieren - wie soll es dann etwas für uns tun? Wenn wir nicht offen sind - wie sollen wir dann empfangen? Und wie sollen wir dann bei uns selbst ankommen, wenn wir nicht empfangen, was aus uns selbst zu uns hin will - in Beziehung sein will mit dem wichtigsten Menschen in unserem Leben?
Angelika Wende


www.wende-praxis.de

Freitag, 24. November 2017

Aus der Praxis – Das Leiden des chronisch Unzufriedenen


Malerei: AW

Ein Mensch ist gänzlich unzufrieden mit seinem Leben, egal was er auch tut, egal was er hat, es ist nie genug, es ist nie richtig und alles fühlt sich falsch und unbefriedigend an. Egal was er beginnt, es will ihm nicht gelingen. Immer ist da das Verlangen nach mehr, nach anderem, nach dem, was er nicht hat. Dieser Mensch leidet an chronischer Unzufriedenheit. Von Außen betrachtet hat er ein gutes, fast schon luxuriöses Leben ohne größere Probleme und Sorgen. Innerlich leidet er wie ein Hund. Das Verlangen nach mehr macht ihn immer unzufriedener.

Wir alle kennen das Gefühl von Unzufriedenheit. Es gibt vielerlei Gründe um unzufrieden zu sein. Es läuft nicht wie wir es gern hätten, wir erreichen Ziele nicht, wir finden nicht den passenden Partner, die Anderen verhalten sich nicht so wie wir es erwarten, wir mögen unser Aussehen nicht, wir haben nicht genug Geld, der Job frustriert uns, unser Leben verläuft anders als wir es uns wünschen. Die Gründe für Unzufriedenheit nehmen kein Ende wenn wir den Focus auf das richten, was wir nicht haben können.  

Die Welt ist voll von unzufriedenen Menschen, die nicht satt sind und es nicht werden. „Eigentlich könnte ich ganz zufrieden sein, wenn es doch so und so wäre“. Das ist ein  Satz des modernen Menschen. Eigentlich müsste der Satz heißen: "Es fehlt mir noch so viel, um ich mich selbst zu akzeptieren wie ich bin und mein Leben so wie es ist".
Die Unzufriedenheit aber kann das nicht. Sie ist nicht fähig sich selbst zu akzeptieren und sie ist unfähig ihr Leben zu akzeptieren, ob es nun perfekt passt oder nicht. Und - die Unzufriedenheit vergleicht sich mit anderen. „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“, schrieb einst der Philosoph Sören Kirkegaard.

Das Gefühl der Unzufriedenheit hat etwas Zersetzendes. Nie ist der Unzufriedene im Jetzt, immer ist er gedanklich in der ach so schönen Vergangenheit oder der unschönen, oder er ist in der schönen Zukunft oder in der Unschönen. Egal wo er ist, nichts ist gut genug. Nicht heute, nicht gestern, nicht morgen. Der Grund: Er ist außer sich. Er zerrt an sich selbst herum und sieht die Welt verzerrt. Sein Denken ist ein ewiges: Ich will, ich sollte, ich müsste, es ist nicht gut wie es ist.

Er verlangt nach Dingen, die er nicht hat oder nach Dingen, die andere haben und die doch eigentlich ihm zustünden.  Was er hat sollte so und so sein, aber nicht so wie es ist. Seine Forderung an das Schicksal ist unangemessen hoch. Aber all das ändert absolut nichts an der Person, die er ist, an genau dem Punkt seiner Entwicklung an dem er ist.

Sicher steht es uns frei uns Dinge zu wünschen und uns Ziele zu setzen. Aber das bedingt, dass wir etwas dafür tun. Dann wirkt die Unzufriedenheit als Antrieb etwas zu verändern und zwar zum Positiven hin. 
Aber genau das kann und will der unzufriedene Mensch nicht. Er ist zu sehr damit beschäftigt sich selbst zu bemitleiden, andere zu beneiden und zu klagen. Im tiefsten Inneren fühlt er sich wie die unerkannte Prinzessin oder der unerkannte Prinz, dem das Leben alles Schöne und Gute auf dem Silbertablett servierten soll, was er sich selbst nicht verschaffen kann. Wie auch? Chronische Unzufriedenheit ist eine blockierende Energie, die an der Lebenskraft zehrt. Im ewigen Klagen verhaftet wird der Blick trübe für das was bereits da ist und was als Basis dafür dienen könnte etwas zu werden. Werden im Sinne von Schöpfung. Der Unzufriedene aber ist weit entfernt davon Schöpfer zu sein, weil er ein Klagender ist und damit blind den eigenen Potentialen, Gaben und Lebensumständen gegenüber. Es gibt so viel was er tun könnte, aber  solange er nach Dingen verlangt, die nicht er selbst sind, verrennt er sich nach nirgendwo.

Wir verrennen uns immer, wenn wir nicht wir selbst sind. Um wir selbst zu sein müssen wir erkennen wer wir sind und dazu gehört auch zu erkennen, wer wir nicht sind, was wir nicht werden können und was wir demnach nicht haben können.

Aber das ist natürlich nicht leicht, es ist sogar schwer das zu erkennen. Und haben wir es erkannt, auch noch ja dazu zu sagen.

Einem unzufriedenen Menschen zu helfen zufriedener zu werden ist kein leichtes Unterfangen. Ihm zu sagen: Schau auf das, was du hast und sei dankbar für das, was du hast, ist wenig hilfreich. Es ist ein nicht zielführendes Herumdoktern am Symptom. Vielmehr müssen zunächst die Ursachen der chronsichen Unzufreidenheit gefunden werden und diese sind vielfältig.
  
Was unzufriedene Menschen gemeinsam haben ist eine negative Lebenseinstellung.
Die Ursachen dafür liegen meist in der Kindheit. Das sind Botschaften wie: „Das geht nicht“, „Das kannst Du nicht“, „Das schaffst Du nicht“.  Das Kind verinnerlicht so eine negative Einstellung zu sich selbst und wird aufgrund dieser Introjektionen auch im späteren Leben nur schwer zu einer bejahenden, sich selbst und andere wertschätzenden Lebenseinstellung gelangen. Es hat gelernt an sich selbst zu zweifeln. Dies führt zu einem verzerrten Selbstbild. Es hält sich für wertlos, unfähig, zu dumm, zu klein, nicht gut genug und und und. Dieses Bild von sich selbst ist durch die destruktiven Botschaften der Kindheit verinnerlicht und oft ernab jeglicher Realität. Die negative Sichtweise auf sich selbst führt wiederrum dazu den Blick vorrangig auf die eigene Fehlbarkeit und das, was nicht erreichbar ist zu lenken. Was dagegen erreicht wird, wird nicht gesehen, oder erscheint wertlos. Eine negative Sichtweise auf sich selbst geht meist einher mit einer negativen Sichtweise auf andere. Gesehen werden vor allem die Fehler des Anderen, das was er nicht kann, nicht hat, seine Stärken und Erfolge dagegen werden beneidet. Womit wir beim Neid sind. 

Neid richtet den Fokus auf das Haben oder das Sein des Anderen. Neid vergleicht sich ständig und sieht nur das, was er nicht hat, anstatt das, was er bereits an Gutem hat. Wer unter Neid leidet ist solange nicht zufrieden, bis er die Objekte seiner Begierden besitzt. Fatalerweise halten die Freude oder die Dankbarkeit darüber nicht lange an, weil es ja immer noch mehr von dem zu haben gibt, was andere längst haben und so sehnsüchtig begehrt wird. So kommt es zur Gier. Gier und Neid gehen immer eine unheilige Allianz ein.


Was dem Unzufriedenen fehlt um seinem Leiden zu entkommen ist der Mut, das mit dem er nicht zufrieden ist, zu ändern. Aber wie sich aus der Komfortzone herausbewegen? Dann müsste er aufgeben was er schon sicher hat und Unsicherheit erträgt er nicht, denn das würde bedeuteten, sich auf das Leben, wie es ist, einzulassen und Eigenverantwortung zu übernehmen, was heißt: Sich sich selbst ehrlich zuzuwenden. Etwas was der Unzufriedene beharrlich vermeidet, weil er sich vor sich selbst und der eigenen Wahrheit instinktiv fürchtet.
Diese Wahrheit ist ganz einfach: Wenn er anders sein könnte, wenn sein Leben anders sein könnte, dann wäre es anders.













Montag, 20. November 2017

Eine Sache, die wir selbst zu erledigen haben



Malerei: AW

Das Gefühl der Machtlosigkeit basiert auf dem Glauben und der Erwartung, dass unser Verhalten auf das gewünschte Ergebnis keinen Einfluss hat.
Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit basiert auf dem Glauben, dass das, was wir sind und was wir in die Welt zu geben haben keinen Wert hat.
Das Gefühl der Sinnlosigkeit erwächst aus der Unfähigkeit, Tätigkeiten zu finden, die uns wertvoll erscheinen.
Das Gefühl der Einsamkeit basiert auf dem Gefühl des Getrenntseins.
All diese Gefühle füttern das Lebensgefühl des Nichtvollständigseins und führen zur Selbstentfremdung. Diese können wir nicht einfach so auflösen. Wir können sie zuerst einmal nur annehmen. Das Gefühl des Getrenntseins ist Teil des Lebens. Je weniger wir fähig sind damit umzugehen, desto bedürftiger sind wir, desto größer und manipulierbarer sind unsere Beziehungsansprüche und desto mehr suchen wir im Außen nach etwas, das uns halten und versorgen soll. Wir verlangen von anderen, dass sie unsere symbiotischen Verschmelzungswünsche erfüllen sollen. Das Fatale daran ist, dass wir im Grunde genau wissen, dass dieser Wunsch unerfüllbar ist. Trotzdem halten wir daran fest, anstatt diesem kindlichen Verschmelzungswunsch zu ent-wachsen, indem wir beginnen das eigene Leben als das zu akzeptieren was es ist: Eine Sache, die wir selbst zu "erledigen" haben und für die wir keinem anderen die Verantwortung in den Schoß legen können.