Dienstag, 8. März 2016

Aus der Praxis – Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum



Foto: AW

Wir alle sind durch unsere Erziehung, unsere Erfahrung und unsere Biografie konditioniert, bzw. determiniert. Dadurch entsteht ein sich selbst stabilisierendes und sich selbst aufrecht erhaltendes System, in dem wir in unseren Reaktionstendenzen eingeschränkt sind, bzw. beschränkt sind auf alte Muster, die uns in bestimmten Situationen in den immer gleichen Reaktionsmodus fallen lassen, obwohl wir das nicht wollen und eigentlich besser wissen, wie wir angemessener reagieren könnten.

Aus unseren im Gehirn abgespeicherten Erfahrungen und Konditionierungen heraus reagieren wir automatisch auf alles was uns begegnet und widerfährt. Mit anderen Worten: Wir reagieren “gelernt“ auf die Welt. Wir tun das unbewusst. Wie ein Computer spulen wir gegen unseren Willen immer wieder die  auf unserer Festplatte installierten alten  Programme ab. Auch wenn wir immer noch glauben wollen, dass wir einen freien Willen haben, wir haben ihn nicht – unsere Willensfreiheit ist durch unsere Prägungen, unsere Glaubensmuster und Überzeugungen sogar stark eingeschränkt. Diese Wahrheit begegnet mir in Veränderungsprozessen meiner Klienten und in meinem eigenen immer dann, wenn es trotz besserer Einsicht nicht gelingt Verhaltensveränderungen umzusetzen.

Sind wir jetzt aber auf Gedeih und Verderb unseren Programmen ausgeliefert? Ist Veränderung nicht möglich oder nur sehr schwer?
Die Erfahrung sagt: Ja. Leider ist es bei den meisten Menschen  so. Zwischen wollen und können liegt eine schier unüberwindbare Grenze. Und nur wenige Menschen schaffen es diese zu übertreten um neues, hilfreiches Verhalten zu lernen und zu leben.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit“, schrieb der Psychoanalytiker Viktor Frankl. Und um diesen Raum geht es – den Raum, den wir selbst schaffen müssen um uns von alten Reaktionsmusterm zu befreien, um freier zu werden von uns selbst und unseren destruktiven Programmen.

Wie geht das?
Mit Achtsamkeit. Achtsamkeit zeichnet sich dadurch aus, dass wir uns selbst gewissermaßen selbst wie von außen betrachten können. Wir achten auf uns. Wir achten darauf was wir denken, was wir fühlen, was wir tun. Wir wechseln in einen anderen Blickwinkel, nehmen eine andere  Perspektive zu unserem emotionalen Erleben ein. Wie werden uns klar: „Wir haben ein Gefühl, aber wir sind nicht das Gefühl", wie es der Begründer der transpersonalen Psychologie Roberto Assagioli formulierte und „Disidentifikation“ nannte. Was heißt: Wir identifizieren uns nicht mehr mit dem Gefühl, als seien wir ganz und gar dieses Gefühl. Wir schauen es uns an unser Gefühl - die Angst, den Schmerz, die Scham, die Schuld, die Trauer, die Wut, die Ohnmacht, die Verzweiflung. All die schmerzhaften Gefühle, die dazu führen, dass ihr Reiz uns reagieren lässt, meist nicht in einem Sinne der hilfreich für unser Seelenheil ist.

Das heißt nicht, dass wir diese Gefühle wegdrücken – im Gegenteil -  wir nehmen sie an und wir beobachten sie, wir beobachten was sie mit uns „machen“. Sie mit uns. Und wir lernen zu entscheiden, was wir mit ihnen machen können, indem wir sie beobachten und uns nicht in sie hineinfallen lassen, bis wir nur noch das Gefühl sind. Denn das ist nicht hilfreich.

Dieses Beobachten und sich disidentifizieren entspricht der gefühlsdistanzierten Haltung des Buddhismus. Wir können also im ersten Schritt aus dem momentanen Aktivierungszustand aussteigen und auf eine höhere Regulationsebene, bzw. in eine andere Perspektive wechseln. Das braucht Übung. Immer wieder und wieder. Im Grunde ist dies eine bewusst herbei geführte Spaltung. Eine Spaltung wie sie auch in der Arbeit mit der „Inneren Bühne“ gemacht wird. Diese Arbeit macht Sinn, sagt die Erfahrung. Sie macht Sinn, weil sie uns nach und nach hilft Herr im eigenen Gefühlshaus zu werden, uns zu schützen, bevor dieses Haus über uns einstürzt.

Desidentifikation funktioniert, indem wir den spontanen Impuls desaktualisieren bzw. loslassen und Raum für die Beobachterposition schaffen, indem wir uns neu orientierten, bevor wir wie gewohnt automatisch auf unsere Gefühle und Gedanken reagieren. Dieser Raum zwischen Reiz und Reaktion lässt uns wieder angemessen agieren, anstatt emotional überflutet nur zu reagieren. Dieser Schritt der Disidentifikation in der therapeutischen Bewegung entspricht wie gesagt der buddhistischen Haltung und wir wissen, wie gelassen Menschen sind, die Achtsamkeit praktizieren. Die meisten von ihnen jedenfalls.

Ohne den Raum für einen achtsamen inneren Beobachter freizumachen können wir nicht auf diese Selbstreflexionsebene wechseln um uns dem Sog der automatischen Reiz - Reaktionshandlung, sprich dem spontanen Handlungsimpuls,  zu entziehen. Gelingt es uns nicht im Moment der sich zusammenbrauenden emotionalen Aktivierung zu erleben was gerade in uns reagieren will, können wir nicht rechtzeitig sinnvoller als gewohnt reagieren, bzw. handeln. Wir werden zum Opfer unserer alten Denk. Gefühls- und Verhaltensmuster. Wir wissen dann zwar hinterher, was wir gerne gesagt oder getan hätten, aber wem nutzt das etwas?

Mit anderen Worten: Wir müssen mit unserer Bewusstheit gewissermaßen online sein um alte destruktive Reaktionsmuster durch neue hilfreiche zu ersetzen. Man könnte das auch Geistesgegenwart nennen, oder wie es Viktor Frankl formulierte: Wir können uns die „Trotzmacht des Geistes“ zum Freund und Helfer machen um aus der Reiz-Reaktionsfalle zu entfliehen, hin zu mehr innerer und dadurch auch äußerer Freiheit.

Kommentare:

  1. Manchmal ist es mir fast etwas unheimlich, wie präzise und treffsicher du mitten hinein in meine aktuelle Arbeit triffst.
    Vor einer Woche schrieb ich nach einem intensiven, langen Tag, an dem ich ständig mit diesem Thema konfrontiert war und übte, in mein Tagebuch: Wort des Tages: "Geistesgegenwart". Für mich ist es die Traumatherapeutin, welche mich an diesen heilsamen Ort führt, mit oder über den Körper. So fremd und neu wie heilsam.
    Herzlichen Dank für deine Gründlichkeit des Ausleuchtens.
    FrauWind

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