Mittwoch, 20. April 2016

Aus der Praxis – Wer anderen hilft ist kein Übermensch





In all der Zeit, die ich auf dieser Erde lebe, ist mir noch nie ein Übermensch begegnet.
Euch etwa?
Alle Menschen haben Sorgen, Probleme, Krisen, Krankheiten, wir alle tragen ein verletztes inneres Kind in uns, das uns Schwierigkeiten macht und wir alle haben Ängste. Natürlich bilden auch Menschen, die mit Menschen arbeiten, da keine Ausnahme. Auch Therapeuten, Berater und Coaches haben ihre Sorgen, Probleme und Schwierigkeiten, auch sie werden von Krisen nicht verschont, ganz einfach - weil sie Menschen sind und eben keine Übermenschen.

Manche scheinen das aber zu denken. Es gibt Menschen, die in der Tat glauben, dass jene, die anderen von Berufs wegen helfen, alles im Griff haben müssen und unfehlbar zu sein haben. Das Bild vom Gott im weißen Kittel oder die Illusion des erleuchteten Heilers scheint bei diesen Menschen in der Tat im Kopf herum zu spuken. Das ist naiv und wenig reflektiert und hat mit der Realität nichts zu tun und vor allem: Es hat mit Menschsein nichts zu tun.

Jeder hat Schwächen und jedem geht es einmal nicht gut.
Diejenigen, denen es gut geht, sind Menschen, die gelernt haben mit ihren Schwächen umzugehen und mit ihren Sorgen und Problemen fertig zu werden. Das macht einen guten Helfer aus. Er hat gelernt sich in der Not selbst zu helfen.

Was macht einen guten Helfer sonst noch aus?

Er muss sein Handwerkszeug gelernt haben und es anwenden können.
Er wird sich Zeit nehmen seine Methode zu erklären, wenn er danach gefragt wird. Er wird dir sagen, dass es keine Methode gibt, die für jeden gleich sinnvoll und hilfreich ist. Er hat ein breitgefächertes, tiefes Fachwissen, basierend auf wissenschaftlicher Forschung und verfügt über die der Erfahrung, die er selbst, im optimalsten Fall, in einer Analyse bei einem Therapeuten erworben hat. Er kennt seine Macken und seine Trigger, seine Schatten und sein Licht, und das ist wichtig um bei seiner Arbeit mit Menschen nicht zu projizieren oder Eigenes auf den Klienten zu übertragen.

Eine wünschenswerte Voraussetzung für das Gelingen jeder Art von psychologischer Intervention ist, dass der Berater in der Sitzung ganz beim Klienten ist und selbst in einem hinreichend guten seelischen und gesundheitlichem Zustand. Sicher kann man auch mit Klienten arbeiten wenn man gestresst ist oder private Probleme hat. Das bleibt während der Sitzung draußen vor der Tür des geschützten Raumes in dem der Klient und sein Anliegen im Focus stehen. Er sollte über die Kompetenz des achtsamen Zuhörens und über Empathie verfügen, die Fähigkeit sich in sein Gegenüber einzufühlen. Er muss hinter die Worte fühlen können, denn nicht selten sprechen Menschen anders über sich als sie empfinden. Er muss beobachten können und fähig sein Mimik und Körpersprache zu deuten, kurz: Er muss die Gabe besitzen sein Gegenüber in seiner Ganzheit zu erfassen. Diese Gabe kann man in keinem Lehrbuch lernen.

„Lernen sie das Beste, wissen sie das Beste - und dann vergessen sie alles, wenn sie zum Patienten kommen." schrieb C.G. Jung.

Das Entscheidende aber ist: Ein Mensch, der anderen hilft zu sich selbst zu finden und ihre Probleme selbstwirksam lösen zu lernen, muss eins sein: Authentisch und wahrhaftig. Man hilft Menschen nicht allein anhand von theoretischen Wissen, man hat sich diese Fähigkeit nicht irgendwo angelesen, man hat sie erworben und zwar auf der Reise als Mensch durch das eigene Leben mit seinen Höhen und Tiefen, seinen Krisen und seinen Erfolgen, seinem Scheitern und seinem wieder Aufstehen - ich spreche von gewachsener Lebenserfahrung.

Ein Mensch der anderen Menschen helfen kann ist also alles andere als ein Übermensch ohne Fehl und Tadel – er ist ein Mensch, der ebenso wie die Menschen, die zu ihm kommen, das Leid kennt. So wie Carl Gustav Jung es kannte, so wie Sigmund Freud es kannte, so wie Anna Freud es kannte, so wie Josef Bernhard Lang es kannte, so wie Viktor Frankl es kannte, so wie Alice Miller es kannte und all die anderen großen Helfer auf dem Gebiet der Psyche und der Seele, deren Biografien sich lesen wie ein Gang durch den Hades und wieder zurück.

Es ist ein großer Vorteil für Helfende, wenn sie selbst durch das Dunkel gegangen sind und erfahren haben: am Ende ist das Licht und in ihm ist das Licht neben den Schatten, und alles ist eins. Es erleichtert die Empathie. Man kann sich besser in fremdes Leid einfühlen, wenn man selbst gelitten hat, weil man gefühlt hat, woran der Andere leidet. Selbst Leid empfunden zu haben, hilft dabei die Werkzeuge zu beherrschen, derer man sich selbst bedient hat und man versteht, wie schwer es für Klienten ist, das umzusetzen, was man in den Sitzungen erarbeitet, weil man selbst diesen Weg gegangen ist und um seine Fallstricke und Rückschläge weiß. Über das Wissen hinaus haben Menschen, die die Gabe und die Kraft und den Wunsch haben anderen zu helfen eins – sie haben das Plus der Erfahrung im Meisten des Lebens, mit allem was dazu gehört. Wer also glaubt ein Mensch, der anderen hilft, muss ein Übermensch ohne Makel sein, irrt gewaltig.




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