Montag, 9. Mai 2016

Die alte vergessene Ohnmacht

Zwei Menschen verlieben sich ineinander. Ein Zustand von Glück, von Hoffnung endlich angekommen zu sein, stellt sich ein. Sie schweben über den Wolken und tragen eine rosarote Brille. Abgehoben, rosarot geblendet, sehen sie einander wie sie sich brauchen, nicht wie sie sind, denn in diesem Zustand sehen sie nicht klar. Sie beginnen eine Beziehung.

Sie fühlen sich geliebt, sie fühlen sich angekommen. Nun möchten sie heilen, glauben zu heilen, an und mit dem anderen, legen ihren alten Schmerz in die Arme des Geliebten, fühlen Halt. Erhalten von der geliebten Person all das, was sie als Kind nicht erhalten haben. Und endlich ist es gut.

Aber die Verliebtheit lässt nach, der Körper hört auf sie mit Glückshormonen zu überfluten, sie verlassen die Wolkenhöhe, die rosarote Brille fällt, sie sehen wieder klar. Sie sehen den anderen wie er ist, und nicht mehr wie sie ihn brauchen.

Um die Enttäuschung nicht fühlen zu müssen, suchen sie einen Ausweg um den inneren Schmerz unbewusst zu halten. Aber die Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, Halt, und Anerkennung bleibt. Sie wird dem Anderen weiter übertragen. Er soll all das geben. Er soll alles gut machen, er soll glücklich machen. Das war doch das Versprechen, ganz am Anfang. Das rosarote Wolkenversprechen. Der Fall ist tief und neuer Schmerz legt sich zu altem Schmerz.

Die Wunde des bedürftigen inneren Kindes beginnt erneut zu bluten.

Du hast es mir versprochen und nun lässt auch du mich allein und rettest mich nicht. Die Enttäuschung ist groß, so groß, dass das bedürftige Kind ins Bodenlose zu fallen droht. Das macht Angst. Es muss sich retten. So wird der Partner zum Angeklagten. Das bedürftige innere Kind ist davon überzeugt, dass der Partner ihm all das schuldet, wonach es so sehnlich verlangt. 

Das Machtspiel nimmt seinen Anfang.

Das bedürftige Kind sieht nur die Möglichkeit, beim Partner die Schuld zu suchen. Es muss sich schützen, denn sonst, so glaubt es unbewusst, greift sein Schmerz das eigene System an, was es für unaushaltbar hält und mit allen Mitteln verhindern muss. Alles was es scheinbar für den Partner tut, alles was es gibt, reicht nicht aus, alles was es tut, hilft ihm nicht. Seine Bedürfnisse werden wieder nicht befriedigt. 

Und dann kommt sie hoch die Ohnmacht, die alte vergessene Ohnmacht. 

Aber bevor sie auch nur die geringste Chance hat, wahrgenommen zu werden, geht der Erwachsene in die Macht. Jetzt ist er ja erwachsen, er ist nicht mehr das kleine Kind, das alles aushalten muss und sich nicht wehren kann. Die Macht, in die der Erwachsene gehen wird, ist immer genauso so groß wie die Ohnmacht und der Schmerz, die er als Kind erfahren hat. Die Macht muss so groß sein wie die alte Ohnmacht, sonst würde der alte Schmerz in jede Pore eindringen und das verbietet die Abwehr, die in der Kindheit überlebensnotwendig war. 

Der Erwachsene zwingt nun den anderen in die Ohnmacht.
 
Gehen beide in die Macht führt das in die Zerstörung. Sie hassen einander, denn keiner will fühlen, was er jetzt fühlt, keiner der beiden möchte da sein, wo er jetzt ist, wieder ist. Zutiefst davon überzeugt, dass der andere geben muss, was  so nötig gebraucht wird, wird der Partner mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln mehr und mehr dazu gezwungen die unerfüllten kindlichen Bedürfnisse zu erfüllen. 

Wer in die Macht geht, erzwingt sich, was er haben will. 

Je größer die unbewusste kindliche Ohnmacht, desto weniger wird er sich schuldig fühlen, zu erzwingen was er braucht. Bekommt er es trotz aller Machtanwendung nicht, wird aus Liebe Hass. Hass gebiert die Krankheit Macht, die scheinbar erst dann endet, wenn der andere vernichtet ist. Das bedürftige innere Kind transportiert so die unerträgliche innere Ohnmacht ins Außen und glaubt sie in der Vernichtung des Anderen machtvoll besiegt zu haben.

Was es nicht weiß: Es kann im Außen nichts besiegen, was im Inneren nicht erlöst ist. Es wird weiter leiden.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen