Samstag, 27. August 2016

Aus der Praxis – Der Innere Kritiker und warum er so mächtig ist


Zeichnung: AW

Der Innere Kritiker, jenes Introjekt, dass uns immer wieder dazu treibt uns selbst schlecht zu machen, ist ein hartnäckiger Anteil unserer Psyche. Davon könnten viele von uns ein Lied in Dauerschleife singen. Diese Hartnäckigkeit ist tragisch im Zusammenhang mit Veränderungen, die für das Seelenheil eines Menschen so dringend notwendig wären, um tief verankerte Selbstwertproblematiken zu lösen.

Die als Kind verinnerlichten Überzeugungen: „Du bist wertlos!“, „Du bist nicht gut genug!“, Du bist nicht liebenswert!“, die uns der Innere Kritiker immer wieder einsagt, lassen sich nicht so leicht korrigieren und schon gar nicht einfach mal löschen indem wir ihren Wahrheitsgehalt rational überprüfen und diesen durch positive Glaubensätze oder wohlmeinende Affirmationen ersetzen. Der Innere Kritiker glaubt uns die nämlich nicht.

Der Grund: Das implizite Gedächtnis in dem dieser Kritiker haust, ist so konstituiert, dass das Selbst das Positive, das wir ihm vermitteln wollen, nicht annehmen kann. Das implizite Gedächtnis, also jener Teil unseres Gedächtnisses, der sich auf das Erleben und Verhalten auswirkt, ohne dabei ins Bewusstsein zu treten, reproduziert nämlich wie ein Automat Verinnerlichtes und Erlebtes und ist dem Bewusstsein nur schwer zugänglich.

Hat z.B. ein Mensch als Kind die Erfahrung machen müssen, dass seine Bedürfnisse oder seine Gaben nicht geachtet werden, sie im Grunde genommen also “wertlos” sind , kann das dazu führen, dass er sich eigene Bedürfnisse auch als Erwachsender nicht zugestehen und seine Gaben nicht nutzen kann.  Mit andere Worten: Was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans nur sehr schwer. Ein als wertlos stigmatisierter Hans ist auch als Erwachsener nicht in der Lage sich selbst wertzuschätzen und sich Freude und Erfüllung zu gönnen, weil sein implizites Gedächtnis, das nicht zulässt. 

In jedem sinnvoll angegangenen Veränderungsprozess geht es immer auch darum Unbewusstes bewusst zu machen. Eine mühsame Arbeit, wenn wir wissen, dass das Bewusste nur 10 % der Spitze des Eisberges ausmacht und 90 % dieses Berges unter dem Wasser, im Meer des Unbewussten liegen.

Nehmen wir uns also nun bewusst vor unsere destruktiven Überzeugungen in hilfreiche und unterstützende zu wandeln, schießt automatisch die verinnerlichte Überzeugung dazwischen: „Du hast es nicht verdient, dass es dir gut geht, weil du wertlos bin!“ Die im Meer des Unbewussten gespeicherten Selbstabwertungen und insbesondere die entsprechend negativen Gefühle zum Gespeicherten überschreiben sofort das bewusste Denken mit den verinnerlichten Erfahrungen und strafen sie der Lüge. 

Das führt zu einer dauerhaften Erhöhung von destruktiven Gefühlen, die den Selbstzugang erschweren und die Selbstentwicklung zum Besseren hin massiv behindern. Jede über Jahrzehnte zugrundeliegende Selbstabwertung führt zudem zu einer Dämpfung positiver Emotionen. Damit ist auch zwangsläufig die Motivation gedämpft, die wesentlich ist um persönliche Ziele, die im Veränderungsprozess formuliert werden, zu erreichen. Entsprechend zielgerichtete neue Denkmuster und hilfreiche Verhaltensweisen werden daher mit einer geringen Wahrscheinlichkeit in die Tat umgesetzt. 

Während sich das explizite Gedächtnis, auch Wissensgedächtnis oder deklaratives Gedächtnis genannt, Tatsachen und Ereignisse merkt, die bewusst wiedergegeben werden können, durch Bewusstmachung unserer Stärken, Ressourcen, Potenziale oder Erfolge positiv beeinflussen lässt, erreicht man das implizite Gedächtnis auf diese Weise nicht. Es hat die Selbstbewertung automatisiert und nimmt diese auf Grund generalisierter, unbewusster Erfahrungsmuster aus der Kindheit immer wieder neu vor. Mit anderen Worten: Der innere Kritiker hat hier die Macht und ist, wie die Erfahrung zeigt, meist der Gewinner im Kampf gegen all die destruktiven Überzeugungen, die wir verinnerlicht haben. Er ist äußerst resistent gegenüber einer Motivierung in eine andere, als die ihm vertraut, bekannte, gefühlte Erinnerung. 

Der wahre Herrscher unseres Gehirns ist, ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht, ein riesiges gegen uns arbeitendes Erfahrungsnetzwerk.

Nun möchte ich nicht behaupten, dass Veränderung zum Positiven hin nicht möglich ist. Ich weiß aber um die Grenzen, die uns Menschen gesetzt sind. Und ich weiß wie gefährlich es ist, wenn wir Menschen vorgaukeln wollen, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Der Wille geht nicht so weit, dass wir alles verändern können, was uns als Mensch geprägt hat, das wir alles loswerden können, was uns nicht gut tut. Der Weg ist beschwerlich, Veränderung ist schwer und wer glaubt, dass ein paar Affirmationen und positive Gedankenreichen, damit es Menschen besser geht, ist auf dem Holzweg und vor allem: Er hat sich mit dem, was in unserem Hirn so alles passiert, ohne dass wir das merken, nicht auseinandergesetzt. 

Alles was wir von Außen aufsetzen ohne tief genug ins tiefste Innere geblickt zu haben, und dieser Blick nach Innen hat eben Grenzen, ist wirkungslos. 

Was wirkt?, frage ich mich. Was hilft um dem Inneren Kritiker und all seinen destruktiven Überzeugungen zu Leibe zu rücken? Wir können das implizite Gedächtnis nicht löschen. Das ist Fakt. Aber wir können versuchen es so gut kennen zu lernen wie es uns menschenmöglich ist. Dazu müssen wir wachsam werden, wir müssen beobachten lernen, wann der Kritiker sich ganz groß macht, mit ihm in den inneren Dialog gehen und seine Behauptungen jedes Mal neu hinterfragen. Und vor allem: Wir müssen uns die Erlaubnis geben ihm zu widersprechen.
Immer wenn er uns sagt: Du bist nicht gut genug! Könnten wir ihn fragen: Woher willst du das wissen? Und uns von dem, was wir tun wollen nicht abbringen lassen, sondern es beharrlich und standhaft gegen unseren inneren Kritiker und seine automatisierte Destruktivität immer wieder neu versuchen. Das ist schwer, das ist mühsam. Das erfordert viel Geduld und viel tägliche Übung im Umgang mit uns selbst und unseren inneren Anteilen. Das erfordert auch das Scheitern unserer bisweilen untauglichen Versuche auszuhalten, nicht aufzugeben und mitfühlend mit uns selbst jeden Tag aufs Neue für unser Seelenheil einzutreten. Das ist mühsam. Aber ist das Leben nicht viel mühsamer wenn wir es nicht versuchen?

Ja, und manchmal gilt eben ... 

Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.  


Reinhold Niebuhr




Kommentare:

  1. Vielen Dank, das ist wirklich sehr interessant und hilft, das Geschehen besser zu verstehen! Also ist es wie mit allen unbewussten Überzeugungen, man muss sie erkennen, betrachten und hinterfragen.Ich hatte nie verstanden, warum dieser innere Kritiker trotz vieler guter und erfolgreicher Erlebnisse nicht das Feld räumt...
    Lieben Gruß
    Gabi

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  2. Liebe Angelika, vielen Dank für deine Artikel! Habe mich beim Thema Zwangspresse so erkannt und mir wurde klar dass die Vereinnahmung durch meinen Partner keine Wahrnehmungsstörung meinerseits ist. Und die Aussagen über das implizite Gedächtnis lese ich so zum ersten mal. Das ist zwar etwas ernüchternd aber auch gleichzeitig entlastend.
    Herzliche Grüße

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  3. Schön, wenn meine Worte hifreich sind.

    Herzlich,
    Angelika

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  4. Liebe Angelika,
    auch mir (24) hat es geholfen. Ich studiere zwar Psychologie, bin mir aber dem inneren Kritiker erst letztes Jahr bewusst geworden.
    Es ist sehr schwer dagegen zu halten, zu mal ich oft nicht weiß, was ich mir nur Einrede, um mich nicht mit mir auseinanderzusetzen und was der innere Kritiker in mir ist.
    Das fällt mir noch extrem schwer und macht es nicht leicht wieder einen positiven Weg einzuschlagen.
    Trotzdem ein Danke dafür!

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  5. Weißt du, wir können die Psychlgie bis ans Ende unserer Tage studieren und für vieles werden wir keine Lösung und keine Erlösung finden.
    Der Weg ist das Ziel.

    Danke für deine ehrlichen Worte!

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    1. Weißt du, wir können die Psychologie bis ans Ende unserer Tage studieren und für vieles werden wir keine Lösung und keine Erlösung finden.
      Der Weg ist das Ziel.


      Danke für deine ehrlichen Worte!

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  6. Das erklärt Wesentliches und erlaubt wieder zuversichtlich zu sein, sogar stolz, sehr stolz, auf das bisher Erreichte. Und weitermachen, na klar! Danke!

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  7. Vielen dank für diese Erklärung so kann ich (w, 40) mich besser verstehen. Arbeite täglich daran meinem inneren Kritiker nicht zu zuhören. Sondern mein Leben (endlich) selbst zubestimmen. Ich möchte mein Leben nun bewusst positiv leben und selber beeiflussen.
    Mit mir glücklich sein, damit ich für mich und meine Kinder kraft habe

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