Freitag, 15. September 2017

Was bin ich mir wert?





Unsere innere Stärke beginnt bei der oft unterschätzten Tatsache, wie wir über uns selbst denken, mit uns selbst sprechen und wie wir mit uns selbst umgehen. An diesen Zugangsformen zum eigenen Ich können wir etwas ändern.
Zum Beispiel mit der Frage: Was bin ich mir wert?
Diese Frage, wirklich ernsthaft reflektiert, setzt einen Prozess in Gang, der ein Leben verändern kann.

Wie oft erlebe ich in der Praxis wunderbare Menschen, die genau daran leiden, dass sie nicht erkennen wie wertvoll sie sind. Sie haben ein Bild von sich selbst im Kopf, das kein gutes Haar an selbigem lässt. Zu lange leben sie in einem Gedankengebäude, das ihren Eigenwert zu Boden zieht. Irgendwann einmal haben sich diese Gedanken eingegraben, meist in der Kindheit. Sie haben am Modell der Mutter oder des Vaters gelernt oder sie haben erfahren müssen, dass man sie nicht wertschätzt für das was sie sind. Aufgrund dieser Erfahrungen sind sie der festen Überzeugung nichts wert zu sein. Das klingt sehr einfach, aber die tiefesten Wahrheiten finden sich genau in dieser Einfachheit. Unsere frühkindlichen Erfahrungen und davon besonders die unguten, sind tief verinnerlicht und es ist schwer sich davon zu befreien. Zu viele Hindernisse liegen auf dem Weg und viele Menschen scheuen sich oder sie sind schlicht und einfach zu bequem sich auf die Suche zu machen, sie zu erkennen und sie wegzuräumen. Sie klagen lieber und lassen alles beim Alten.

Das Hinderlichste um im Leben genau der zu bleiben, von dem man denkt, der man sei, ist der Gedanke: "Da kann man eh nichts machen."

Es ist nicht wahr. Man kann etwas machen, nur wenn man macht was man schon immer gemacht hat, wird es bleiben wie man es schon immer gemacht hat und das Erleben oder das Lebensgefühl der Wertlosigkeit wird zum lebenslangen Begleiter. Der Gedanke: "Da kann man eh nichts machen" nimmt uns die Zuversicht und unser Selbstwertgefühl.

Wer so auf sich selbst und sein Leben schaut wird in dieser Haltung erstarren. Er füttert damit die Zweifel an sich selbst und seine Unfähigkeit oder seine Angst Herausfoderungen zu bewältigen.
Sich selbst wertschätzen lernen ist eine solche Herausforderung. Aber wie will ich sie annehmen wenn ich voller Zweifel bin? Wer Herausforderungen meidet, der vermeidet es sich selbst zu entwickeln. Er bleibt wer er ist und wo er ist, mit dem was er hat. Und meist bleibt er unzufrieden.

Zweifel nehmen uns die Zuversicht und fungieren als Bremse.
Und dann fühlen wir uns vom Leben ausgebremst, aber es ist nicht das Leben das das tut - wir selbst sind es, die wir uns dem verweigern, was das Leben von uns will: Wachsen nämlich, zu uns hin wachsen. Zu dem, der wir sind.

Viele Menschen haben auf die Frage: "Wer bist du?" eine Antwort, die mich immer wieder erstaunt. Sie erzählen was sie machen, was sie für einen Job haben und was sie leisten. Damit beantworten sie die Frage natürlich nicht. "Wer bist du?", heißt diese nämlich und nicht: "Was machst du?" Wie man das verwechseln kann? Man weiß nicht wer man ist und definiert sich über das, was man macht. Und genau diese Menschen sind es, die in eine tiefe Leere fallen, wenn das Leben ihnen das, was sie machen, wegnimmt oder sie es aus welchen Gründen auch immer verlieren.Was bin ich denn noch ohne meine Arbeit? Wer bin ich denn ohne meinen Mann, meine Frau, meinen Liebhaber? Wer bin ich denn ohne meine Kinder? Wer bin ich denn ohne mein Geld, mein Haus, mein Pferd, mein .... ?

Genau diese Fragen führen uns zu unserem Denken über uns selbst, zu unserem Gefühl für den Wert, den wir uns zuschreiben. Liegt dieser im Außen? Ja, für die meisten ist das so. Aber dieser über das Äußere definierte Wert ist fragil, so fragil wie das Leben selbst. Und nein, wir haben nicht unendlich viel Lebenszeit und nein wir können das Wesentliche nicht auf Morgen verschieben. Denn es kann sein, dass es das Morgen nicht mehr gibt. Auch das kommt nicht in das Bewusstsein vieler Menschen. Wahnwitziger Weise denken sie sie haben endlos Zeit. Und machen weiter wie bisher, in der Hoffnung auf eine bessere Zeit, dann, irgendwann.
Eine lähmende Hoffnung, die das Denken auf eine unberechenbare Zukunft focusiert.
Und was ist in der Zwischenzeit? Zwischenleben.
Ein Leben zwischen sich unglücklich fühlen und schaler Hoffnung.

Die Hoffnung verändert nichts, sie ist kein Schub, der uns in eine Entwicklung treibt - sie ist eine passive Dulderin, die uns dort festhält wo wir sind und lediglich als Trösterin dient für die Illusion von einer besseren Zeit.
Die Zeit ist jetzt, heute an diesem Tag und nicht an einem in weiter Ferne liegenden Punkt X an dem alles besser und schöner ist. Ein besseres Leben erträumt man nicht, man gestaltet es. Und die  Gestaltung beginnt mit der Frage: Was bin ich mir wert?




Montag, 11. September 2017

Über das Urteilen



Foto: www

Urteile haben einen großen Nachteil, für uns selbst und für andere - wir bleiben in Unklarheit darüber was uns im Innersten bewegt. Urteile sind Deckel, unter denen wir unsere Gefühle und Bedürfnisse verschließen. Das bewirkt, dass wir uns derer nicht bewusst werden. Urteile kappen die Verbindung zu uns selbst und anderen, sie trennen und spalten ab. Zack, Urteil und fertig!
Und wir meinen damit ist es gut.
Es ist nicht gut.
Urteile sind nichts anderes als ein erstarrter Ausdruck unseres Innenlebens. Je härter Menschen urteilen, desto größer ist der eingekapselte Schmerz, den sie nicht fühlen wollen. Urteilen ist eine Form von Abwehr - wir wehren ab, womit wir uns nicht auseinandersetzen wollen. Aber das bringt uns nicht weiter, nicht näher zu uns selbst und nicht näher zum anderen hin.
Es bringt uns weiter, uns dem Gefühl zuzuwenden, das sich hinter dem Urteil verbirgt. Hinter jedem Urteil steht ein Bedürfnis, das sich meldet und versorgt werden will.

Freitag, 8. September 2017

Sich selbst lieben geht nicht auf Knopfdruck



Danke für das Foto, Lucas


Die Liebe für uns selbst muss sich darauf beziehen, was wir sind und nicht auf das, was wir tun. Erst dann gelingt es uns, uns vorbehaltlos zu akzeptieren. Das Erkennen des Unterschieds zwischen Tun und Sein ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir im Leben machen können.

Sich selbst lieben geht nicht auf Knopfdruck. Es ist Arbeit. Der Psychiater und Bestsellerautor M. Scott Pecks sagte einmal, dass Liebe besagt, dass Liebe eine harte Arbeit ist, zu der eine Erweiterung der Persönlichkeit gehört. Und so ist es. Die Selbstliebe kommt uns nicht einfach so angeflogen, wenn wir sie nicht fühlen können. Sie muss in der Tat erarbeitet werden. Es braucht den Willen und es braucht Übung die Selbstabwertung oder die Selbstverachtung aufzugeben und uns selbst vorbehaltlos zu akzeptieren mit allem was uns ausmacht, auch mit dem, was wir an uns selbst nicht leiden können. Sich selbst nicht leiden können bringt Leid, innerseelisch und im Kontakt mit anderen Menschen, in all unseren Beziehungen.

Die Arbeit an der Selbstliebe beginnt damit, dass wir uns selbst zuhören. 
Wie hört man sich selbst zu? Indem man auf seine Gefühle, seine Wünsche und seine Bedürfnisse achtet. Die meisten von uns haben das nicht gelernt. Wir haben gelernt unseren Focus auf das zu richten was andere fühlen, wünschen oder brauchen. Wir haben gelernt Erwartungen zu erfüllen, die andere an uns haben, aber wir haben nicht gelernt unsere Erwartungen an uns selbst zu achten und zu erfüllen und wenn, dann sind es jene, die man uns beigebracht hat. Was wir tun müssen, damit wir anderen gefallen, ist eine davon. Auch wenn wir glauben wir tun all das was wir tun für uns, so ist das in Wahrheit nicht selten ein Irrglaube, wir tun es damit man uns achtet, uns Aufmerksamkeit schenkt, uns wertschätzt und liebt. Wir tun es um durch unser Tun etwas zu bekommen, von dem wir meinen, dass wir es brauchen. Und meistens bekommen wir ja auch etwas für unser Tun, aber wann bekommen wir etwas für unser Sein?
Leistung bringen ist Tun.
Sein ist einfach da sein, ohne etwas tun zu müssen.  
Wann nehmen wir uns die Zeit einfach nur zu sein?
Erlauben wir es uns? Oder denken wir gar nicht darüber nach, so wie die meisten Menschen, die ständig irgendetwas tun müssen, weil sie gar nicht wissen was nichts tun sein kann, und weil sie sich schlecht fühlen im Nichtstun. So funktioniert unsere Leistungsgesellschaft. So funktioniert Leben, wie man es uns beigebracht hat. Tu was, dann bist du wer. Wer nichts tut, ist nichts wert.
Und wem schenken wir damit Aufmerksamkeit? Nicht uns selbst jedenfalls.

Man muss sich selbst Aufmerksamkeit schenken um sich selbst wahrzunehmen.
Das beginnt damit in Kontakt mit den eigenen Gefühlen zu kommen. Und jedes Gefühl, das wir haben sagt uns etwas über unsere Bedürfnisse. Gefühle sind immer auf Bedürfnisse ausgerichtet. Wenn ich zum Beispiel traurig bin habe ich das Bedürfnis nach Fürsorge, Geborgenheit und Trost. Wenn ich mich hilflos fühle, habe ich das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, nach Sicherheit und Halt. Jedes Gefühl verweist auf ein tiefes Bedürfnis. Die meisten Menschen erkennen das nicht. Sie übergehen ihre Gefühle und weil sie das tun, wissen sie nichts über ihre wahren Bedürfnisse.

Ein Mensch, der sich selbst liebt weiß um seine Bedürfnisse. 
Das ist die Vorrausetzung für Selbst - Bewusstsein. Nur wer sich seiner selbst bewusst ist wird sein Leben so gestalten, dass es seinen Bedürfnissen nahe kommt.
Die Arbeit an der Selbstliebe erfordert Aufmerksamkeit für uns selbst und sie geht nicht ohne Selbstdisziplin vonstatten. Selbstdisziplin bedeutet sich selbst gegenüber absolut ehrlich zu sein, seine Triebe aufschieben zu können und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wer sich so verhält besitzt Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl. Ohne das ist Selbstliebe nicht möglich. Sie bedeutet nämlich auch Verzicht. Verzicht auf Dinge, die uns nicht gut tun. Dazu muss man eben wissen was einem nicht gut tut und damit sind wir wieder bei der Aufmerksamkeit, die wir uns selbst schenken müssen um bei uns selbst anzukommen.

Erst wenn wir das gelernt haben und es dauert, wie alles was wir neu lernen müssen, werden wir irgendwann bei uns selbst ankommen und dem Gefühl ein einzigartiger liebenswerter Mensch zu sein,  der sich vorbehaltlos akzeptiert und sich verzeihen kann wenn er Fehler macht. Selbstliebe versetzt uns in die Lage nichts mehr von anderen einzufordern, was sie uns nicht zu geben vermögen, können oder geben wollen, sie macht aus emotional Abhängigen selbstsichere Menschen, die wissen wie sie selbst gut für sich sorgen und sich ihre Bedürfnisse erfüllen können. Selbstliebe hilft uns dabei nein zu sagen, sie hilft uns dabei uns abzugrenzen. Sie hilft uns auch um etwas zu bitten, wenn wir uns etwas wünschen und sie hilft uns damit umzugehen wenn wir Zurückweisung erfahren. Wenn wir die Arbeit der Selbstliebe nicht scheuen erhalten wir ein wertvolles Geschenk – wir wissen um den wahren Wert unseres Seins. Und dafür müssen wir nichts tun und uns selbst und anderen nichts beweisen.

Namaste 

Angelika









Mittwoch, 6. September 2017

Aus der Praxis – Wie wir quälende Gedanken stoppen können


Wir alle kennen es, wir möchten nicht an etwas Bestimmtes denken, aber wir können nicht damit aufhören. Quälende Gedanken können uns beherrschen. Mehr noch, sie werden zu Gefühlen, die uns besetzen, die unseren Tag beherrschen und uns in den Nächten den Schlaf rauben. Jedes Gefühl, das wir haben, kann internalisiert werden. Geschieht das, hört das Gefühl auf wie ein Gefühl zu wirken, es wird zu einem Teil unserer Persönlichkeit mit dem wir uns identifizieren. Wenn wir uns bewusst machen, dass die Dynamik unseres Seins aus Gefühlen, Bedürfnissen und Trieben zusammensetzt ist, können wir uns leicht vorstellen, dass wir mir diesen Identifikationen eine Störung in diese Dynamik bringen. Das ganze System ist im Ungleichgewicht und wir reagieren und handeln aus dem internalisierten Gefühl heraus. Es hat uns im Griff. Was wir nun brauchen ist ein Weg um uns von diesen Gefühlen zu lösen, oder wie man in der Psychologie sagt: Wir disidentifizieren uns von belastenden Gefühlen.

Wie ist das möglich?
In der Psychoanalyse wird zwischen verschiedenen Ich-Zuständen unterschieden. Wir haben ein sogenanntes Ego das uns mit Gedanken und Gefühlen überfluten kann. Aber all die ganzen Stimmen die wir so im Kopf haben - das SIND wir nicht. Wir sind weder unsere Gefühle, noch unsere Gedanken. Wir erschaffen sie und nicht sie erschaffen und beherrschen uns, auch wenn wir das irrtümlicherweise glauben. Diese einfache Wahrheit wird oft übersehen und viele Menschen können sich auch nicht vorstellen, dass es so ist. Können wir uns aber auf diese Wahrheit einlassen, haben wir eine gute Chance nicht weiter das Opfer unserer Gedanken und Gefühle zu sein. Wir können uns unsere Eigenmacht zurückholen, wenn wir wissen: Alles was wir denken und fühlen, können wir beeinflussen, denn WIR sind es, die denken und fühlen. Es gibt niemanden, der uns sagen kann: Du musst dich jetzt so oder so fühlen. Es gibt niemanden, der uns verletzen kann, wenn wir es nicht zulassen. Es ist einzig und allein unsere Interpretation der Dinge, die unsere Gedanken und Gefühle erschafft. Diese Interpretation läuft allerdings in Sekundenbruchteilen ab. Und manchmal merken wir es erst, wenn wir mitten drin stecken im Dilemma.

Viktor Frankl sagte einmal: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum“. Was er damit meinte ist, dass wir genau diesen Raum für uns nutzen können um nicht wie ein Pawlowscher Hund auf einen von außen kommenden Reiz zu reagieren. Wir haben diesen Raum, der eine Distanz zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Reiz und Reaktion, schaffen kann und dieser Raum ist ein hilfreiches Geschenk, wenn uns wieder einmal ein quälender Gedanke massiv zusetzt.
Hierzu gibt es eine einfache und sehr wirksame Methode aus der Psychologie: den Gedankenstopp.
Der Gedankenstopp hilft, nicht noch tiefer in die quälenden Gedanken, die depressive Stimmung oder in die Angst zu fallen, sondern nach einer Lösung zu suchen und diese auch zu finden. Der Sinn der des Gedankenstopps liegt darin, uns selbst aufzuwecken, bevor wir von destruktiven Gedanken überflutet werden.
Zugegeben das zu verinnerlichen ist schwer und es braucht Übung. Es braucht den Willen es zu üben.
Wie das funktioniert?

Sobald quälende Gedanken auftauchen: Setz dich in aufrechter Körperhaltung an einen stillen Ort und lass diese Gedanken zu. Dann haue kräftig auf den Tisch und sage laut „Stopp“ zu dir selbst. Du wirst überrascht sein, wie du plötzlich wieder im Hier und jetzt bist und die quälenden Gedanken weg sind.
Eine weitere Übung, die mir persönlich hilft, ist diese kleine aber sehr effektive Übung im Selbstmitgefühl:
Sag mitfühlend zu dir selbst: „Ja, so ist das“. Wenn du magst, lege dabei deine Hände auf dein Herz und atme dabei ruhig ein uns aus. Tu das solange du magst oder solange bis zu fühlst, dass es in dir ruhiger wird. Bei manchen Menschen nützt schon diese kleine Übung um innerlich wieder zu sich selbst zu kommen.

Und zum Schluss ein Zitat von Roberto Assagioli
„Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper.
Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle.
Ich habe Wünsche, aber ich bin nicht meine Wünsche.
Ich habe einen Geist, aber ich bin nicht mein Geist.
Ich bin ein Zentrum aus reinem Bewusstsein.“

Namaste Ihr Lieben



www.wende_praxis.de

Mittwoch, 30. August 2017

Erwartungen


 
Malerei: AW


Immer dann, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, kommen Störgefühle hoch. 
Das geschieht die ganze Zeit, wenn man bewusst hinfühlt. Je mehr wir erwarten, von uns selbst, von anderen und dem Leben, desto mehr Frust und Enttäuschung, desto mehr inneres Antreiben und desto weniger innere Freiheit werden wir erreichen können.
Wenn es gelingt die Erwartungen weniger werden zu lassen können wir gelassener werden.
Kommen Erwartungen hoch, was natürlich nicht ganz vermeidbar ist, könnten wir sie betrachten, ohne sie bekämpfen zu wollen, ohne an ihnen festhalten zu wollen und sie loslassen. 

Dienstag, 29. August 2017

Trust the process




Manchmal scheint es als würden wir rückwärts gehen, zurück in alte Muster, zurück in alte Wunden und Verletzungen, zurück in eine Vergangenheit, die längst abgeschlossen ist.
In Wahrheit aber gehen wir niemals rückwärts.
Entwicklung geschieht ähnlich wie eine Spirale – sie geht nach Oben und nach Unten, sie macht Drehungen, Biegungen und Schlenker. 

Auch wenn es für uns aussieht als wäre es ein Rückschritt, wir machen immer Fortschritte. 

Trust the process!

Sonntag, 27. August 2017

Aus der Praxis – Ein Co-abhängiger spricht zu sich selbst



Malerei AW


Ich bin Co-abhängig! Ich brauche Hilfe! Co-Abhängigkeit ist eine Krankheit. 
Co-abhängigkeit ist die Sucht gebraucht zu werden.

Es ist eine Sucht, die mich dazu bringt aus Liebe und Angst Dinge für einen Alkoholiker zu tun, die ich für mich selbst tun müsste.
Es ist eine Sucht, die mich dazu bringt in einem ständigen Wechselbad aus Liebe und Ekel, angewidert oft schon dadurch, dass der Alkoholiker stinkt, weil er sein ihr Gift ausatmet, zu leben.
Es ist eine Sucht, die verhindert, dass ich mich selbst genug wertschätze und Verantwortung übernehme für einen, der seine Verantwortung nicht übernehmen kann oder will.
Es ist eine Sucht, die mich antreibt mich um den Alkoholiker zu kümmern und ihm bei dem zu helfen, was er suchtbedingt nicht mehr schafft.
Es ist eine Sucht, die mein Mitleid und mein Mitgefühl für den Alkoholiker über mein Selbstmitgefühl und meine Selbstliebe stellt.
Es ist eine Sucht, die alles gibt um dem Alkoholiker zu helfen seine Sucht zu überwinden.
Es ist eine Sucht die mich mein Seelenheil, Gesundheit und Geld kostet.
Es ist eine Sucht, die alles tun würde, damit er aufhört zu trinken.
Es ist eine Sucht, die mir sagt, ich muss ihn nur genug umsorgen und lieben und er wird aufhören zu trinken.
Es ist eine Sucht, die mir vorgaukelt es gibt einen Weg ihm zu helfen.
Es ist eine Sucht, die mich zur Inkonsequenz verführt.
Es ist eine Sucht, die mich mein eigenes Leben vernachlässigen und zerstören lässt.
Es ist eine Sucht, die mir Hoffnung vorgaukelt wo es keine Hoffnung gibt, sondern allein Vergeblichkeit.
Es ist eine Sucht, die mich immer wieder auf seine Versprechungen hereinfallen lässt, obwohl ich weiß, dass er sie gar nicht halten kann, auch wenn er es wollte.
Es ist eine Sucht, die mich dazu bringt die bösen Worte, Angriffe und Abwertungen des Alkoholikers zu schlucken und mich nicht zu wehren und wenn dann auf ungesunde und unangemessene Weise.
Es ist eine Sucht, die mich dazu treibt zu schweigen, zu vertuschen, zu verheimlichen und in Kauf zu nehmen, dass er Trinker ist, sein Leben zerstört und das meine mit.
Es ist eine Sucht, die Scham und Schuldgefühle in mir auslöst, dass ich in so ein Leben geraten bin.
Es ist eine Sucht, die hohe Ansprüche an mich selbst stellt und dem Alkoholiker alles durchgehen lässt.
Es ist eine Sucht, die mich dazu bringt weiter zu ihm zu halten, obwohl ich nur Nachteile habe.
Es ist eine Sucht geboren aus Unsicherheit, Schwäche, dem Gefühl von Wertlosigkeit und dem daraus resultierenden Drang für andere Dasein und für sie sorgen zu müssen, auch wenn sie mich ständig verletzen, benutzen, belügen, hintergehen und betrügen.
Es ist eine Sucht, die dazu führt, dass ich mich nicht abgrenzen kann und  meine Wut, meine Trauer, meinen Schmerz und meine Verzweiflung herunterschlucke und weiter mache  den Helfer zu geben, wo ich längst erschöpft und am Ende bin.

Co-abhängigkeit ist eine Sucht, die mir vorgaukelt, ich sei nur wertvoll, wenn ich mich aufopfere und es anderen recht mache.
Ich bin co- abhängig.
Ich bin eigentlich stark, ich bin eigentlich liebevoll, aber ich nutze die Stärke und die Liebe nicht für mich selbst, sondern werfe sie wie eine kostbare Perle vor die Sau.
Ich bin co-abhängig. Ich brauche Hilfe!


Falls du den Weg zurück Dir beschreiten möchtest, falls Du den Willen hast Dein ungesundes Beziehungsmuster mit Bewusstheit und Wertschätzung für Dich selbst zu durchdringen, wenn du alten Schmerz loslassen möchtest, freue ich mich, dich in diesem Prozess zu begleiten.
Entscheide dich für Liebe statt für Co-abhängigkeit!

 





Donnerstag, 17. August 2017

Aus der Praxis – Selbstachtung






Selbstachtung verstärkt sich wenn du ...
klar weißt, was du willst
deine Bedürfnisse ernst nimmst und sie ausprichst 
deine Ziele in die Tat umsetzt
Hindernisse überwindest und dich Herausforderungen stellst
deiner Wahrnehmung vertraust
deine Gefühle achtest und sie ernst nimmst
zu deiner eigenen Wahrheit stehst, egal ob sie anderen passt oder nicht
keine Kompromisse machst, bei denen du den Kürzeren ziehst
keinem anderen die Verantwortung für deine Lage zuschreibst und Eigenverantwortung übernimmst
aufhörst das Opfer zu geben und dich selbst bemitleidest
aufhörst dich verletzen zu lassen
entscheidest lieber alleine weiter zu gehen, als schlecht begleitet
dir selbst vertraust auch wenn dein innerer Kritiker sich fett aufbläst
dein inneres Kind ernst nimmst, gut für es sorgst und ihm trotzdem nicht alles durchgehen lässt
deiner Angst ins Gesicht siehst und dich ihr stellst
dich deinen Süchten stellst und entgiftest
klare Grenzen ziehst, wenn du etwas nicht ertragen kannst oder nicht mitmachen willst
akzeptierst, dass klare Entscheidungen auch einen Preis haben
deine Selbstlügen aufgibst und schonungslos ehrlich zu dir bist
dir Hilfe suchst, wenn du es alleine nicht mehr schaffst.


Freitag, 11. August 2017

Aus der Praxis – Wenn es verletzt, ist es dann keine Liebe?



Zeichnung: AW 2017

Wenn es verletzt ist es keine Liebe, heißt ein Buch von Chuck Spezzano.
Das klingt einfach, sehr einfach. Nur das weder das Leben noch wir Menschen einfach sind.
Warum also sollte es die Liebe zwischen zwei Menschen sein?
Weil uns das einer sagt, weil die menschenfremde Botschaft, dass wir Liebe und Verletzen trennen müssen, mittlerweile über den Kreis der Esoteriker heinausgedrungen ist? Mal ehrlich, wer von uns kennt eine Liebe, die ohne Verletzungen einhergeht? Es gibt sie nicht. Sie ist eine Illusion. Und wünschen wir uns eine Liebe ohne Verletzungen leben wir in einer Illusion.

Der heutige Mensch ist durchdrungen von einem Perfektionismus und einer Sucht nach Erfolg und Selbstoptimierung wie es sie zu keiner Zeit zuvor jemals gab. Und er liebt Ilusionen.
Er will alles glatt, problemlos und ohne sich anstrengen zu müssen. Er muss so sehr um seine monitäre Existenz kämpfen, dass ein emotionales Einlassen ein Zuviel bedeutet. Was also nicht einfach geht, was vielleicht sogar anstrengend ist, muss weg. Beziehungen müssen einen Benefit bringen aber bloß keine Probleme. Mittlerweile brauchen weder Männer noch Frauen einen Partner um gemeinsam in der Welt zu überleben. Beziehung ist wie der Milchschaum im Kaffee, es geht auch ohne. Partner sind Luxus und zum Luxus gehört eben auch, dass da nichts anstrengend ist und alles schön glänzt. Wir haben genug Probleme mit uns selbst mit unserem Alltag und all dem was wir meinen tun und erreichen zu müssen, also warum sich die Probleme des Anderen auch noch aufladen? Geteiltes Leid ist doppeltes Leid.

Jeder von uns bringt seine Probleme, seine Macken und seine Neurosen mit in die Beziehung. Jeder von uns bringt sein inneres Kind mit in die Beziehung, seine Beziehungserfahrungen aus der Ursprungsfamilie, seine alten Verletzungen oder gar seine Traumata aus der Vergangenheit seines gelebten Lebens. Da sind Zwei und mit der Beziehung entsteht ein Drittes, was die eigene Identiät und die des Anderen zwangsläufig beeinflusst und verändert.

Viele unserer Neurosen schlafen wenn wir alleine sind. Wir kommen gut mit ihnen und mit uns selbst klar, wir bemerken sie gar nicht. Aber wenn da plötzlich ein Anderer in unsere Komfortzone einbricht ist alles anders.
Wir erfahren, dass wir in der Konfrontation mit den Eigenarten, den Wünschen, den Bedürfnissen, den Verhaltensweisen und den Vorstellungen des Anderen unsere Komfortzone verlassen müssen. Wir müssen uns einlassen auf das fremde Wesen, das wir uns vertraut machen. Vorbei mit der Ruhe, die wir alleine so schön bewahren konnten, als da keiner war der uns "gestört" hat, der einen anderen Tagesrythmus hat, als wir ihn für uns ritualisiert haben. Da spricht uns plötzlich einer an bevor wir noch den ersten Schluck Kaffee getrunken haben, da ist einer der uns etwas erzählen will, während wir lieber schweigend den Tag beginnen. Da ist einer nicht gut drauf oder hat Sorgen und Ängste wo es uns gerade mal prima geht. Das tangiert unser Gefühlsleben. Das macht etwas mit uns. Das nervt im Zweifel, das ist vielleicht sogar lästig sobald die ersten Schmetterlinge den Bauch verlassen haben und die rosarote Brille der Tönung der eher grauen Wirklichkeit ausgesetzt ist. Da ist die Wirklichkeit des Fremden in unserem Leben, der uns noch eine lange Zeit, falls wir die mit ihm überstehen, fremd bleibt. Da sind seine Macken, da sind die Knöpfe, die er bei uns drückt und wir bei ihm, da sind die Erinnerungen an alte Beziehungen, an die Kindheit, an Bilder und Emotionen die wir längst vergessen oder verdrängt hatten oder die wir für geheilt hielten. All das und mehr sind Dinge, Zustände und Befindlichkeiten, die das Miteinander zweier Liebender auslöst. So kommt es zu Verletzungen, die wir, wären wir allein geblieben nicht erleben müssten. Und schon wird es ungemütlich.

Wir erkennen im Spiegel, den uns der Andere unbewusst und ungewollt Tag für Tag vorhält, was in uns gar nicht so entspannt, ruhig und geheilt ist, wie wir glaubten.
Wir erkennen, wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, dass wir nicht so frei von Neurosen sind wie wir dachten. Dann sind wir verletzt in der Liebe, durch die Liebe zum Anderen. In Wahrheit aber bringt die Liebe nur die Verletzungen zum Vorschein, die wir nicht geheilt haben, weil sie uns liebt.

Aber das verstehen wir nicht, das wollen wir nicht verstehen, weil es weh tut und dann glauben wir es ist keine Liebe und wir rennen weg von der Liebe, weil sie alles andere ist als das Perfekte, das Glatte, das Einfache, das sich unsere Illusion vom Liebesglück wünscht. Es passt halt nicht, denken wir, sagen wir und gehen weiter, zurück in die scheinbare Sicherheit des Alleinlebens. Bis zum nächsten Mal. Bis die Liebe wieder an unser Herz klopft und uns heilen will.


Dienstag, 8. August 2017

Aus der Praxis – Selbstachtung



Foto: AW

Was können wir tun um liebevoll mit uns selbst umzugehen?

Höre auf deine innere Stimme.
Was macht dich traurig?
Was macht dich wütend?
Was oder wer macht dich hilflos?
Was willst du nicht mehr haben oder tun?
Was ist falsch für dich?
Was kannst du nicht leiden?
Wo und mit wem fühlst du dich nicht wohl?
Was brauchst du und was brauchst du nicht?
Was erfüllt dich und was fühlt sich leer an?
Was fühlt sich gut an und was fühlt sich ungut an?

Wir lernen uns selbst zu vertrauen, wenn wir lernen auf unsere innere Stimme zu achten.
Wenn wir uns selbst vertrauen, lernen wir uns selbst zu achten.
Selbstachtung ist der Beginn eines liebevollen Umgangs mit uns selbst.

Und jetzt komm mir nicht mit: Aber das ist so schwer!
Ja, es ist schwer.

Aber ist es nicht viel schwerer, dich selbst zu missachten?


Samstag, 5. August 2017

Verletzt



All die Verletzten
verletzten sich selbst
verletzen andere
verletzen einander
Wann hört das auf?
Es hört auf, wenn wir aufhören uns selbst zu verletzen.

Sonntag, 30. Juli 2017

Hingabe



Foto: AW

Wenn zwei Menschen sich einander in völligem Vertrauen öffnen, heißt das auch, dass sie sich verwundbar machen. Das zu akzeptieren, davor schrecken viele Menschen zurück. Aber es ist diese Verwundbarkeit die wir dem anderen gegenüber offen legen, die wahre Intimität erst entstehen lässt. Wenn uns jemand begegnet, der uns so nah ist, dass wir unsere Angst vor Verletzung überwinden, wenn sein Dasein es vermag uns in aller Ehrlichkeit und ohne Maske zu zeigen, uns unsere intimsten Geheimnisse zu entlocken, unsere Wahrheiten zu teilen, dann ist dieser Mensch ein Geschenk.
Und ist es nicht völlig unwichtig ob wir es Liebe nennen?
Dieser Mensch wird vielleicht unser Liebhaber oder unsere Liebhaberin, er wird uns einen Moment in der Zeit tief berühren, er wird uns eine Weile begleiten oder für immer.
Aber ist das wirklich wesentlich?
Wesentlich ist, dass in den Momenten des intimen Verschmelzens zweier Menschen beide ihre Einzelidentität aufgeben und zu einem einzigen Wesen werden. Dies ist eine mystische Erfahrung, die uns nicht allzuoft im Leben geschenkt wird.
In der Aufmerksamkeit, der Zuneigung und der Zärtlichkeit des Anderen erlauben wir uns die Liebe, die wir in uns selbst haben fließen zu lassen, ohne Widerstand und ohne anzuhaften.
Wir geben bwusst die Kontrolle auf. Wir legen unsere Ängste beseite und lassen uns bedingungslos ein. Wir geben uns hin. In der gegenseitigen Hingabe erfahren wir uns selbst und unseren Liebhaber mit dem Herzen, mit dem Geist und mit dem Körper.



Samstag, 29. Juli 2017

Gedankensplitter

 

 

Foto: AW
 

Veränderung findet statt, wenn du deine Komfortzone verlässt, 
dich aber immer noch im Bereich deiner Selbstfürsorge befindest.

Freitag, 28. Juli 2017

Aus der Praxis – Warum das Nein sagen so schwer ist und wie wir es lernen können ...

Foto: www

Was wir entscheiden, nicht zu tun, ist mindestens ebenso wichtig, wie das, was wir entscheiden zu tun. Dazu gehört das Nein sagen.
Für viele Menschen ist es schwer NEIN zu sagen.
Ein klares Nein erfordert nicht nur Mut, sondern Selbstbewusstsein und Klarheit. Und Letzteres ist weitaus schwerer aufzubringen als Mut. Wenn wir uns unserer Selbst nicht bewusst sind, was bedeutet, wenn wir nicht wissen, was wir nicht mehr wollen und was wir wollen und was dazu auch noch gut für uns ist, sind wir nicht klar. Wir sind ambivalent und innerlich zerrissen. Je unklarer wir in uns selbst sind, desto stärker ist der Kampf, den Herz und Verstand führen. Dazu kommt fatalerweise bisweilen auch noch das Wunschdenken, das von unserer Sehnsucht gefüttert wird wie es doch sein könnte, obgleich wir sehen, dass es nicht so ist, nicht so war und daher auch nicht die geringste Chance besteht, dass es so sein könnte, wie wir es uns wünschen.
Nein sagen zu Etwas oder Jemanden ist also wirklich schwer.
Das lernt man nicht einfach so, auch wenn das so manche Ratgeber versprechen.

Nein sagen im richtigen Moment ist eine Herausforderung. Es bedeutet uns selbst ernst zu nehmen und im Zweifel andere zu enttäuschen um uns selbst treu zu sein.
Auch wenn viele von uns das wissen, nein sagen ist, wie alles was uns uns selbst näher bringt, ein Prozess, der mit klarem Bewusstsein zu tun hat. Und das zu erreichen ist eine lebenslange Entwicklung, die sehr viel mit Achtsamkeit zu tun hat.

Um etwas Klarheit in die Schwierigkeit des Neinsagens zu bringen: Das Nein sagen fällt so schwer, weil es immer mit Macht versus Beziehung zu tun hat.
Und dabei ist Macht hier bitte nicht negativ zu verstehen. Beim Neinsagen geht es immer um Eigenmächtigkeit versus Fremdbestimmung.
Aber was haben Macht, Beziehung und Nein sagen miteinander zu tun?
Wenn ich ja sage um der Beziehung willen, schwäche ich mich selbst, also meine Eigenmacht und handle fremdbestimmt, nämlich danach was für den Anderen gut ist oder was er von mir erwartet, bzw., was ich glaube, dass er von mir erwartet.
Das fühlt sich nicht gut an. Ich stehe nicht für mich ein, ich passe mich an um des lieben Friedens Willen und um einen Konflikt zu vermeiden, dem ich nicht standzuhalten glaube. Und damit entscheide ich mich gegen mich selbst und meine Bedürfnisse. Ich entscheide entgegen dem, was mir nicht gefällt oder sogar nicht gut tut, um den Anderen nicht zu enttäuschen oder ihn gar von mir weg zu treiben. Eine ziemlich ungesunde Anpassungsstrategie, die, praktizieren wir sie des Öfteren, zu einer Menge Frust, Ärger und seelischen Konflikten führt. Der Gedanke des Jasagens wider die eigene Überzeugung ist folgender: Mit einem NEIN riskiere ich im Zweifel  die Beziehung, zu wem auch immer. Und je wichtiger mir die Beziehung ist, desto mehr Angst macht dieses NEIN. Also sage ich halt Ja.

Machen wir das oft resignieren wir und werden zu angepassten Jasagern oder, die zweite Variante: Wir explodieren irgendwann und reagieren dann auf unangemessene Weise. So werden manche geduldigen Menschen von einem Moment auf den Anderen zum aggressiven Angreifer. Es knallt scheinbar aus heiterem Himmel und die Beziehung ist futsch oder zumindest ernsthaft bedroht.

Nun es gibt es noch die dritte Variante. Man sagt nicht ja, man sagt nicht nein, man weicht aus. Das löst zwar das Problem nicht, verschafft aber Zeit. Nur - danach steht man wieder vor dem selben Problem. Ein höchst unseliger Nebeneffekt dieses Ausweichens: Das Selbstwertgefühl bekommt einen Knacks, denn auch wenn wir es nicht wahr haben wollen: Vielleichtchen fühlen sich gar nicht gut an. Sie sind reine Entscheidungsschwäche und kosten immens viel Energie, die wir mit etwas oder Jemanden verbringen mit dem wir nicht sein wollen. All das sind Strategien, die keine Klarheit schaffen oder eben eine Klarheit, die einen von beiden in der Beziehung zum Verlierer macht.

Aber, wie sage ich nun Nein, wo ich es meine? Und zwar so, dass es weder meine Eigenmacht schwächt, noch die Beziehung ernsthaft gefährdet?
Indem ich mir klar darüber bin was ich will und was ich nicht will. Das ist der erste Schritt. Der zweite Schritt: Ich begründe mein Nein, fair und mit klaren, nachvollziehbaren Worten.

Übrigens: Wenn du dein Ja und dein Nein kennst, wenn du dein "ich will weg von und "ich will hin zu " kennst, bist du auf einem ziemlich guten Weg zu dir selbst und deinen Bedürfnissen. 

Aber wie gesagt, alles was uns weiter bringt und wachsen lässt ist ein Prozess und wenn wir den noch nicht geschafft haben, macht nichts ... das Leben ist ein einziges Lernen, vorrausgesetzt man will lernen.



Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Mittwoch, 26. Juli 2017

Die heilsame Qualität des Mitgefühls





Die heilsame Qualität des Mitgefühls entwickelt sich vor allem durch das Akzeptieren und Anerkennen der Fragilität, der Verwundbarkeit und Verletzlichkeit der eigenen Existenz.
Mitgefühl wächst auf der Grundlage der menschlichen Erfahrung, dass das eigene Leid kein privates und persönliches, sondern vielmehr eine universelle und geteilte Erfahrung unseres Menschseins ist.
Mitgefühl bedeutet nicht Mitleiden, es ist kein sentimentales Bedauern, dies führt in eine gemeinsam erlebte Hilflosigkeit, Mitgefühl bedeutet: Alles darf so sein, so wie es ist. Es bedeutet, was gefühlt wird, darf sein.
Im Mitgefühl ist Raum für alles, auch für Verletzung, Leid und Schmerz. Dieser Schmerz wird gesehen und mitgefühlt und damit wird er bezeugt und von einem menschlichen Gegenüber mitempfunden. Erleben wir Mitgefühl in diesem Sinne muss Schmerz nicht mehr verleugnet, verdrängt und bekämpft und werden.
Einem Menschen diesen Raum anzubieten, ist der erste Schritt, der zu einem heilsamen Prozess führen kann.


Angelika Wende
www.wende-praxis.de

Samstag, 22. Juli 2017

Es ist was ist



Foto AW

Solange wir nicht wahrhaben wollen, was ist, solange wir uns vor der Realtität verstecken oder sie verdrängen, solange bleibt bestehen was ist und nichts wird sich verändern.
Erst wenn wir den kräftezehrenden Widerstand aufgeben gegen das was ist, wird Energie frei und es öffnet sich die Möglichkeit etwas zu verändern.
Aber wie schaffen wir es zu akzeptieren, was ist?
Wir haben keine andere Wahl.

"Um frei zu sein, musst du loslassen können. Nähre nicht deinen Schmerz. Die Energie, die du brauchst um an den alten Sachen hängen zu bleiben, hält dich davon ab dein neues Leben zu leben."
Mary Manin Morrissey

Mittwoch, 19. Juli 2017

Gedankensplitter


1 + 1 und ein drittes


der sinn der vereinigung von zwei individuen ist veränderung zu ermöglichen. in dieser vereinigung liegt das potenzial uns zu verändern und aneinander zu wachsen. im anderen erkennen wir wer sind und wer wir zu sein denken. im anderen sehen wir unser licht und unseren schatten. im anderen erkennen wir unsere potenziale und unsere defizite. im anderen spiegelt sich was wir nicht sehen wollen und was wir uns ersehnen. im anderen kommen wir vielleicht an unsere grenzen. im anderen erfahren wir uns in einer tiefe, die wir so nicht kannten. und manchmal schrecken wir dann vor ihm zurück. ihn wahrheit aber sind wir es, die vor uns selbst zurückschrecken. dann wenden wir uns ab vom anderen oder wir sagen ja zu ihm und pflegen die vereinigung genauso vorsichtig und behutsam wie wir unsere träume pflegen.

Montag, 17. Juli 2017

Es geht immer um dieses Kind ...

 

Zeichnung: A.W.

Der wahre Kern unseres Wesens ist ein Kind.
Was diesem Kind gegeben wurde und was diesen Kind nicht gegeben wurde, 
was es an Schmerzhaftem erfahren hat und was es an Verletzungen erlitten hat, 
was es ihm Liebe geschenkt wurde und was ihm an Liebe verwehrt wurde, 
prägt sein Leben als Erwachsener.
Es geht immer um dieses Kind.

Samstag, 8. Juli 2017

Hamburg im Juli 2017


Viele von uns sind fassungslos, ohnmächtig, wütend und wir haben Angst, wenn wir nach Hamburg blicken und dem Inferno, das sich dort seit Tagen abspielt, zusehen. Die Menschen in dieser Stadt stecken sogar mitten drin. Die Gewalt, der Terror und die sinnlose Wut frustrieter, unzufriedener Menschen versetzt eine Stadt in unserem Land in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand.
Mich wundert es nicht, es brauchte nur einen Auslöser, egal welchen, um ein solches Szenario Realität werden zu lassen.

Warum also tun wir so erschrocken? Weil brennende Autos, Feuer in den Straßen und all das andere, was wir an Bildern der Zerstörung plötzlich sehen so nah ist? Weil der Krieg, der überall in der Welt tobt, jetzt hier mitten unter uns sein menschenfeindliches Gesicht zeigt, aus unserer Mitte heraus und nicht von fremden Terroristen angezettelt. Ja das Böse ist in uns, es ist mitten unter uns, es kommt von uns. Das macht Angst. Aber diese Angst wabert schon lange in den Herzen der Menschen. Sie ist nicht neu, nur wird sie jetzt lebendig auf den Straßen und zeigt ihr destruktives Gesicht. Das macht noch mehr Angst. Das macht sogar richtig Angst. Angst, dass das erst der Anfang ist, Angst, dass das auch in unserer Stadt geschehen kann, uns betreffen kann und unsere Familien. Vielleicht ist es so, vielleicht ist es nicht so.

Wir wissen es nicht. Aber wir wissen längst warum wir Angst haben. Weil wir Menschen keine Schwestern und Brüder sind und es niemals waren, weil jeder seinen Egoismus lebt, weil jeder auf sich selbst schaut und wie er das Beste vom Leben erhaschen kann, weil wir unseren Kindern das Funktionieren beibringen, ihnen vermitteln, das nur der Beste siegt und wie sie später erfolgreich sind und viel Geld verdienen um sich viel unnütze Dinge zu kaufen. Weil wir uns keinen Deut mehr um unsere Nächsten kümmern und dabei zusehen wie die Menschlichkeit stirbt, weil wir kein Mitgefühl und keine Hilfsbereitschaft für die Schwächeren zeigen und weil wir Moral, Anstand, Respekt, Demut vor dem Leben und Liebe für uns selbst und andere nur in den Mund nehmen und es nicht leben.

Unsere Angst ist die Mahnung, sie ist zugleich der der Wegweiser, längst ist sie es. Die Mahnung endlich wach zu werden, unseren eigenen Teil an der Misere zu erkennen und einen neuen Weg einzuschlagen. Sie ist es, die tief in uns immer wieder schreit: Zeit etwas zu verändern - in und bei uns selbst. Das können wir tun. Und das ist schon viel, was wir dann tun.
Jeder Einzelne kann das tun, denn alles ist mit allem verbunden und je mehr von uns etwas verändern zum Besseren hin, desto eher verändert sich das Ganze. Wir sind nicht allein. Wir sind zusammen das Ganze. Nur das haben die Menschen vergessen.
Vielleicht ist es zu spät, vielleicht nicht.
Aber es ist mir vollkommen egal ob es zu spät ist, ich höre nicht auf im Sinne einer inneren Wandlung zu leben und zu arbeiten. Das Leben ist jetzt und jeden Moment kann jeder etwas zum Besseren tun .... Und mit diesem Tun wird die Angst kleiner und die Zuversicht größer.

Namaste Ihr Lieben.

Dienstag, 4. Juli 2017

Sei du die Veränderung



Aquarell: AW

Ja, die Welt ist hart, sie ist ungerecht und sie ist nicht mehr in Ordnung. War sie das jemals? Und haben wir vergessen, dass sie es niemals war? An allen Ecken und Enden brennt es. Die Meisten von uns riechen das Feuer, aber löschen tut es seltsamerweise keiner. Geht ja auch nicht, denn dann müssten die, die das Feuer riechen, sich endlich zusammentun und sich bewegen. Tun sie aber nicht. Da ist es doch viel einfacher über das ganze Elend zu jammern und zu klagen, zu wüten und zu hetzen oder Facebook mit Liebe für alle und Selbstliebebotschaften zuzuposten oder sein Glück einer höheren Macht in die Hände zu legen. Tja, dann muss man aktiv nichts tun was das ganze Dilemma abmildern könnte. Nein ich rede hier nicht davon wie wir die Welt retten, aber davon wie wir uns selbst retten, bevor sie untergeht, bis dahin wenigstens ist da schon noch was möglich um den eigenen Seelenfrieden zu erreichen.

Selbstliebe ist da sicher hilfreich. Ich halte viel davon sich selbst lieb zu haben und ich denke das tue ich mittlerweile auch an guten Tagen, aber das Allheilmittel ist sie nicht. Wir sind nämlich soziale Wesen und brauchen einander. Da kann es nicht schaden, einem, der sich selbst noch nicht lieben kann, ein bisschen Liebe zu schenken. Aber der ist ja im Zweifel ein Narziss. Der kann gar nicht lieben, an dem liebe ich mich ab, das lasse ich mal schön sein. Apropos Narzissmus. Eine sehr beliebte Diagnose, die immer mehr Laien zeitgeistgetriggert stellen ohne den blassesten Schimmer davon zu haben was das ist pathologischer Narzissmus. Es ist auch kein Veränderungspotential zum Besseren hin, wenn sich die halbe Welt einig darüber ist, dass das Böse in der Moderne an den bösen Narzissten liegt, die die Macht haben, im Großen und im Kleinen. Wer wählt die denn? Wer setzt die denn auf ihre Posten?

Ich kann das alles nicht mehr hören. Dieses: "Die Anderen sind Schuld" am kollektiven und an meinem persönlichen Unglück. Die Welt ist voll von Menschen die klagen, die hetzen, die wütend sind und Veränderung fordern, aber sie ist ziemlich leer an Menschen, die das tun, was sie tun könnten um das ganze Drama zu entschärfen: Nämlich mal in den Spiegel gucken, bevor sie ihre Hände im heimischen Waschbecken Tag für Tag in Unschuld waschen und sich selbst leid tun oder sich für besser halten als andere. Wie sagte schon Gandhi: "Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt."

Alles hat zwei Pole. Alles hat sein Gegenstück, alles sind Extreme und diese Extreme berühren sich. Jede Ursache hat ihre Wirkung, jeder Aktion folgt eine Reaktion. So funktioniert das Universum, so funktioniert das, was wir Welt nennen. Und in all dem ist eine Menge Energie. All das ist reine Energie. Sei es auf physischer Ebene, auf mentaler Ebene oder auf spiritueller Ebene. Alles fließt, alles ist in Bewegung und zwar immer in der Polarität. Wo Armut ist ist Reichtum, wo Täter sind sind Opfer, wo Macht ist ist Ohnmacht, wo Liebe ist Nichtliebe, wo Hoffnung ist ist Resignation. Das Eine ohne das Andere gibt es nicht, das Eine könnten wir ohne das Andere weder sehen, noch fühlen, noch unterscheiden. Wir würden ohne die Polarität ziemlich im Dunkeln stehen.

Worauf ich hinaus will?
Dass, wenn alles zwei Pole hat und alles Energie ist, das eine vom Anderen zum Ersten abhängt und zum Zweiten beeinflusst wird, egal ob bewusst oder unbewusst. Alles ist EINS.

Wenn ich also den einen Pol immer schön fixiere z.B. das Jammern und das Klagen und die Wut über all das Böse da draußen, dann sehe ich den anderen Pol gar nicht mehr und meine Energie sinkt mehr und mehr auf den Tiefpunkt. Und diese Energie gebe ich ins Außen. Noch ein bisschen mehr davon, ist ja noch nicht genug.

Wenn ich das unbewusst so mache ist das ziemlich traurig und auch aufgrund meiner beschissenen Biografie eine zeitlang erklärbar, aber auch nur eine zeitlang, denn ich kann etwas was ändern, wenn ich es so wie es ist nicht mehr aushalte. Wenn ich allerdings weiter auf meinem Jammern beharrre, weil ich den Glaubenssatz habe: "Ich kann nicht anders, ich bin halt so und dafür kann ich nichts",  dann schaffe ich mich langsam aber sicher in die Lähmung oder in die Verzweiflung, in die Angst und schließlich in die Depression. Nein, nicht jeder ist für seine Depression verantwortlich, das ist eine Krankheit wie Alkoholismus, ich spreche von jenen, die psychisch noch einigermaßen gesund sind, und das trotzdem tun, bzw. nicht tun.

Ich kenne Menschen, die bei allem was man ihnen an Hilfreichem anbietet sofort abwinken und mir mit dem kommen was nicht möglich ist, wenn ich sinnvolle Möglichkeiten anbiete. Sie beharren auf ihrem wutgefärbten Weltbild, mit der Begründung: "Ich habe immer schlechte Erfahrungen gemacht, ich habe das immer so erlebt." Jo, und dann ist das auch so und wenn das so ist, dann bleibt das auch so. Nein, das ist dann nicht so, denn indem ich an dem klebe, was immer so war werde ich nie etwas anderes erleben. Wieso also keinen Versuch starten? Ehrliche Antwort? Die bekomme ich dann natürlich nicht. Aber sie könnte lauten: Ich hab keinen Bock, denn dann müsste ich ja meine Denkweise über den Haufen schmeissen und das könnte anstrengend werden. Tja, das nenne ich dann Vergeblichkeit und lasse los.

Durch unsere geistigen Bilder erschaffen wir unser eigenes Universum.

Bilder kann man verändern und das nicht nur auf der Leinwand. Wenn wir nur destruktive geistige Bilder denken, kann uns kein Licht aufgehen. Wir sitzen weiter im Dunkeln. Es ist unsinnig solchen Menschen etwas an Möglichkeiten aufzuzeigen, weil sie sie für unmöglich halten. Die destruktive Energie solcher Menschen zieht runter. Es kostet verdammt viel Kraft da eine konstruktive Energie dagegenzusetzen, sie werden den Pegel beharrlich immer wieder nach Unten ziehen um ihre Wahrheit ja nicht verlassen zu müssen.

Diese Welt ist voll von Runterziehern. Und damit meine ich nicht die melancholischen, tiefgründigen Wesen, die so sensibel sind, dass sie das alles kaum noch aushalten, weil sie so dünnhäutig sind wie zarte Membranen. Ich meine die, die sich fett und dick aufblasen und gegen alles wettern, was ihnen nicht in den Kram passt,  die sich als ewiges Opfer der Umstände sehen, keine Eigenverantwortung für ihr Leben übernehmen wollen und mit dem Finger auf alles zeigen, was ihnen angeblich Böses will. Ich meine die, die zu bequem sind an sich zu arbeiten und sich über die fehlende Veränderung in der Welt auskotzen, ohne überhaupt einmal daran zu denken bei sich selbst damit anzufangen, die sich ihren negativen Stimmungen und destruktiven Emotionen überlassen und es ihnen erlauben sie zu beherrschen, weil sie keine Selbstbeherrschung erlernt haben. Übrigens, die gehört auch zur Selbstliebe.

Wir können durchaus den höheren Willen einsetzen um den niedrigen zu überwinden. Das ist schwer, aber möglich. Wer aber in der destruktiven Energie hängen bliebt, hängt in der Spirale nach Unten und muss sich nicht wundern, wenn er mitsamt der bösen Welt gegen die er wettert, ganz Unten landet.





Sonntag, 2. Juli 2017

Glaubenssätze



Foto: AW

Glaubenssätze sind Verallgemeinerungen, die unsere Psyche aufgrund unserer Lebenserfahrungen bildet. Sind diese negativ oder sogar destruktiv und schenken wir ihnen aufgrund alter Erfahrungen weiterhin Glauben, werden wir neue Möglichkeiten, Gelegenheiten, Chancen und Begegnungen die wir im Jetzt machen, aufgrund unserer Programmierungen nicht annehmen können.
Wir tun das unbewusst um uns zu schützen, sprich: Um die alten Erfahrungen in Zukunft zu verhindern, nach dem Motto: Gebranntes Kind scheut das Feuer. Wir werden sogar unbewusst genau das aussuchen was unsere gespeicherten Glaubenssätze bestätigt. 
So entsteht subjektive Wirklichkeit.
Sich seiner selbst bewusst zu werden, bedeutet, sich von den alten Identifikationen zu befreien und sich nicht weiter an die Glaubensätze der Vergangenheit zu halten. Es bedeutet - nicht über eine ungewisse Zukunft nachzudenken. Beides lähmt. Sich seiner selbst bewusst sein bedeutet - sich selbst und das Leben im hier und jetzt bewusst zu erfahren.

Sonntag, 25. Juni 2017

Aus der Praxis – Das "arme" Opfer und der "böse" Narziss



Malerei Angelika Wende

Menschen, die narzisstische Persönlichkeiten anziehen haben in den meisten Fällen selbst eine Persönlichkeitsstörung, daher die Passung. Der, der angeblich bedingungslos liebt, ist meist gar nicht so bedingungslos am lieben, wie er das für sich beansprucht. 

Ebenso wie der Narziss versucht er seine innere Leere zu füllen, und zwar indem er "gebraucht" wird vom anderen. Die Sucht gebraucht zu werden führt dazu, dass er nahezu alles mit sich machen lässt. Ein Mensch, der sich selbst gefunden hat, der in sich selbst ruht, der keinen inneren Mangel verspürt, der emotional nicht abhängig ist, wird sich das selbst nicht antun. Er sorgt gut für sich und grenzt sich angemessen ab. 
Nicht der Narziss ist der "böse"( er hat eine Persönlichkeitsstörung, die er sich nicht ausgesucht hat), es gehören zu dieser Kollusion immer zwei. Das einzusehen bedarf natürlich eine Menge Selbstreflexion und schonungslose Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Einfacher ist es natürlich den Anderen anzuklagen und als Täter zu verteufeln. Nur führt das keinen Schritt weiter. Das sogenannte Opfer des Narziss bleibt solange im Teufelskreis der Blindheit dem eigenen Anteil gegenüber stecken, bis es sich fragt: Was in mir lässt diesen Selbstmissbrauch zu?



Montag, 19. Juni 2017

Glück?




Mein Glück, dein Glück, unser Glück? Wir wissen, dass es so nicht funktioniert. Keiner macht den Anderen glücklich. Glück ist ein Vermögen, das in unserem Wesen angelegt ist oder nicht. Vielleicht ist der Mangel an diesem Vermögen das größte Unglück.

Dienstag, 13. Juni 2017

Ja zu dir selbst



Foto: AW

Hör du auf über den Kopf zu leben, versuch mal nicht den Starken zu spielen, wenn du schwach und zerbrechlich bist, probier mal nicht über Konzepte zu denken, die dir Macht über deine Gedanken versprechen, trau dich mal wirklich zu fühlen, was du fühlst. Steig aus Beziehungsverstrickungen aus in denen du das Opfer bist und lerne nein zu sagen.

Sag endlich ja zu dir selbst. Schau hin, sieh dir an, was passiert wenn du nicht lebst was in dir angelegt ist, wenn du in einer Selbstlüge gefangen herumläufst, wenn du in deinem Kopf verhaftet bist, immer an die Erwartungen der anderen denkst und wie du sie erfüllen kannst und dein eigenes Fühlen und Wollen unterdrückst. Egal was du fühlst und was du bist: Du bist richtig und nicht falsch. Nimm dir das Recht, der Mensch zu sein, der du bist. Sag: „Ich bin was ich bin und ich darf sein, was ich bin", und tu endlich was du willst. Und wenn du das allein nicht schaffst, hol dir Hilfe.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Aus der Praxis – Der Hunger nach Leben



Malerei: A. Wende

Wenn wir unseren Gaben und Talenten keine Aufmerksamkeit schenken gehen sie verloren und wir mit ihnen. Unsere Gaben sind unser inneres Gold, sie sind das, was uns zum Leuchten bringt, wenn wir sie ins Leben rufen. Viele Menschen wissen nicht einmal was ihre Gaben sind. Um sie zu entdecken brauchen wir eine bewusste Wahrnehmung über uns selbst. Wir müssen sehen und erkennen, was da in uns an Gold verborgen liegt und es dann hervorholen. Tun wir das nicht töten wir die kreative Lebensenergie in uns ab. Wir fühlen uns innerlich leer. Durch Bewusstsein über uns selbst finden wir einen Ausweg aus der inneren Leere, die uns erfasst, wenn wir kreative Lebensenergie über Jahre unterdrücken, indem wir unsere Talente brachliegen und verrotten lassen.

Vielleicht müssen wir erst einmal tief schürfen um das Gold in uns zu finden. Viele finden das zu mühsam. Sie suchen im Außen was sie so sehnsüchtig vermissen ohne zu ahnen, dass das was sie vermissen in ihnen selbst schon eine Ewigkeit auf sie wartet. Menschen geraten in ihrer Suche nach erfüllender Lebensenergie nicht selten auf den Holzweg. Der Hunger nach Leben wird mit Süchten und anderen Ersatzbefriedigungen zu stillen versucht. Aber das macht nicht satt. Es schreit nach immer mehr aus dem hohlen Bauch. Der Hunger bleibt und am Ende verderben sie sich sogar den Magen mit all dem Ungesunden, das sie ersatzweise in sich hineinstopfen. Es schmeckt auch nicht wirklich gut und man verdirbt daran, je öfter und je länger die ungesunde Kost geschluckt wird. 

Bei manchen Menschen geht das soweit, dass sie sich immer wieder in ungesunde Beziehungen zu Menschen verstricken, die es weder gut mit sich selbst meinen, noch gut mit dem anderen. Diese Verstrickungen sind nichts anderes als der Selbstmissbrauch einer leeren Seele, die verzweifelt nach Fülle sucht. Nur um nicht mit sich selbst klar kommen zu müssen lassen sich viele von uns auf Beziehungen ein, die zu nichts anderem taugen als einen Partner zu haben und dem Alleinsein zu entkommen. Egal ob er säuft, uns schlecht behandelt, egal ob er wertschätzt was wir sind und was wir tun, wir lassen uns einfangen, weil uns das immer noch besser erscheint, als uns die Mühe zu machen uns im eigenen Seelenhaus umzuschauen und zu erforschen wonach wir wirklich hungern. Und dann wird geklagt, dass man unglücklich ist und immer immer an den oder die Falsche gerät. Aber es ist nicht die oder der Falsche, es ist genau der, den wir brauchen um uns die Augen zu öffnen über den Menschen, der wir selbst sind. Nämlich ein, seelisch ausgehungerter Mensch, der nicht weiß, was gut für ihn ist und was ihn verdirbt.

Wie oft höre ich Frauen und Männer frustriert und mit bitterbösen Worten über ihre Partner herziehen noch während sie in einer Beziehung mit ihm stecken. Sie jammern und klagen, sie wollen Mitleid, sie fühlen sich als Opfer eines Narziss, eines Alkoholikers oder gar eines Psychopathen. Sie finden pathologische Diagnosen für den anderen ohne sich selbst und ihren Anteil in der Kollusion zu hinterfragen. Dabei richten sie sich ein in der Beziehung und hoffen, dass es irgendwann besser wird, wenn der Andere sich doch endlich mal ändern würde, sie hoffen auf ein Wunder, das nie geschieht oder dass der Nächste kommt, der es besser für sie macht. Bereit die Selbstmisshandlung beharrlich zu ignorieren und was in ihnen sie zulässt und füttert, verlegen sie sich darauf alles Ungelebte, alles Unschöne, alles Leid auf den Partner zu projizieren, der Schuld hat daran, dass sie so unglücklich sind. Ja, sie sind unglücklich, aber sie machen sich selbst dazu. Keiner kann uns unglücklich machen, wenn wir es nicht zulassen, wenn nicht aufwachen und sagen: Ich stehe dafür nicht mehr zur Verfügung!

Über sich verfügen zu lassen scheint einfacher, denn dann kann man weiter die Rolle des armen Opfers spielen und muss nicht handeln. Man bleibt wo man ist, weil man Angst vor dem hat, was sein könnte wenn man geht. Gehen würde bedeuten zu sich selbst zurückgehen zu müsssen, in die eigene Leere, in die eigenen Schatten, in die eigene Unfähigkeit sich das zu geben, was man vom anderen nicht bekommen kann. Für sich selbst zu sorgen scheint für diese Menchen dem Untergang gleich zu sein. Menschen die so leben haben ihre Selbsterhaltungskraft abgegeben und sie wissen nicht wie sie zu ihr zurückfinden. Zu lange haben sie ihre Kraft verchwendet an Dinge oder Menschen, die sie innerlich nicht voll machen konnten. Artig und fügsam wie ein verängstigtes Kind, das alleine nicht spielen kann, weil es sich tödlich mit sich selbst langweilt, haben sie sich verbraucht und sich ihrer vitalen Lebensenergie berauben lassen. Das zu erkennen ist schmerzhaft und der notwendige Schritt in die Freiheit wird oft deshalb nicht einmal versucht, geschweige denn gewagt. Wird er aber nicht getan, werden diese Menschen den inneren Halt vollkommen verlieren. Sie werden zu Marionetten eines fremdgesteuerten Lebens, in dem sie niemals zufrieden und erfüllt sind.

Vielen Frauen und Männern im fortgeschrittenen Alter steht die Gram über ein ungelebtes Leben ins Gesicht geschrieben. Sie haben alle Weichheit verloren. Sie blicken verhärmt und mit bitteren Zügen aus trüben Augen und man sieht ihnen die grenzenlose Enttäuschung an. Sie haben sich aufgegeben. Sie haben ihre Gaben und Talente, ihre weibliche und ihre männliche Kraft geopfert auf dem Altar einer sinn-und trostlosen Hoffnung, dass ein anderer es für sie gut macht.

Tatsache ist, keiner kann es für uns gut machen. Jeder Versuch in diese Richtung muss scheitern. Der notwendige Weg führt nicht hin zum anderen, er führt hin zu uns selbst. Diese Weg fordert eine klare Entscheidung, nämlich die bisherige Lebenshaltung aufzugeben und eine bessere zu finden. Das geht nur dann, wenn wir bereit sind hinzusehen und zu erkennen: Wir sind nicht das Opfer anderer, wir sind Täter an uns selbst. Ja, es kann sein, dass sich dann ein tiefes Loch auftut, es kann sein, dass wir dann zuerst einmal im Niemandsland stehen in dem uns dieser Niemand ICH begegnet. Der Mensch, der uns am Nächsten ist und den wir so beharrlich ignorieren, weil wir uns insgeheim vor ihm fürchten. Genau davor nicht zurückzuschrecken ist der Moment indem wir beginnen unserer eigenen Kraft zu vertrauen und unsere Gaben zu erforschen um das zu finden, was unseren Hunger nach Leben stillt: Unser inneres Gold. Und das dauert eine ziemlich lange Zeit.

Samstag, 3. Juni 2017

Wenn ich dich nehme, dann nehme ich dich so wie du bist.




Manchmal sind wir so hungrig nach Zuwendung, dass wir sie nehmen, egal woher wir sie kriegen können. Wir sehnen uns danach gesehen zu werden. Am Meisten sehnen wir uns danach, als der Mensch gesehen und angenommen zu werden, der wir sind. Das ist ein zutiefst menschlicher Wunsch. Wir möchten, dass man uns mag wie wir sind und wir möchten als der einzigartige Mensch geachtet und wertgeschätzt werden, der wir sind.

Wir alle sind einzigartig. Keiner ist wie der andere, jeder hat seine eigene Persönlickkeit, jeder ist ein kleines Wunder Mensch. Und jeder von uns hat seine ureigene Geschichte. Viele Menschen sind sich dessen nicht bewusst, wenn sie einander begegnen und sich kennen lernen. In dieser einzigartigen Geschichte ist ein Wesen verborgen, dass so viele Schalen hat wie eine Zwiebel. Wenn ein Mensch uns wirklich zugeneigt ist, wird er sich die Mühe machen, all diese Schalen behutsam aufzublättern um uns als Ganzes verstehen zu lernen. Er wird beobachten, fragen, zuhören, sich langsam vortasten und sich kein Bild von uns machen, bis er nur annähernd einen vagen Eindruck hat von all dem, was uns ausmacht. Er wird uns nicht vergleichen mit Menschen, die er vor uns kannte oder die er im Jetzt kennt. Er wird sich nicht fragen, wie wir werden könnten und was aus uns werden könnte oder was nicht. Er wird unsere Einzigartigkeit achten und ein liebevolles Interesse daran verspüren, sie in ihrer ganzen Tiefe kennenzulernen. So beginnen Liebesgeschichten. So bleibt Liebe. So kann Liebe wachsen.

Im richtigen Leben ist das, was ich da beschreibe vielen von uns nicht vergönnt. Oder es ist uns einmal vergönnt und wenn das so war oder ist ist das das Kostbarste was uns widerfahren kann. Viele von uns erleben wieder und wieder Begegnungen, die ganz anders sind. Begegnungen, die über die Faszination einen Strohfeuers nicht hinausgehen und uns traurig zurücklassen. Es ist selten, dass wir einem begegnen, der uns sieht ohne seine Gedanken und Vorstellungen über uns zu konstruieren, einer, der uns nicht in eine Schublade steckt  und uns nicht aufteilt in schwarz und weiß, in "das mag ich an dir und das nicht". Das nicht zu tun ist auch nicht möglich, das wäre wirklich zu viel verlangt.

Wir alle belegen den anderen mit dem Eigenen, mit Erfahrungen und Erinnerungen, mit Wünschen, Vorstellungen, Erwartungen oder was auch immer. Vor allem belegen wir einander mit Projektionen und Übertragungen. Und ja, auch ich bin nicht frei davon. Aber, so hart es klingt: damit ist der Käse schon gegessen. Futsch die Illusion, so gesehen, so genommen zu werden, wie wir nun einmal sind. Und dann bleibt uns nur der Rückzug zu uns selbst. Wir gehen zurück in unsere Einzigartigkeit, die so nicht genommen werden konnte vom anderen.

"Wenn ich dich nehme, dann nehme ich dich so wie du bist", sagte einmal einer zu mir.
Das klang ziemlich arrogant in meinen Ohren. Will ich denn den anderen entscheiden lassen, ob er mich nimmt? Wer bin ich denn, abhängig von diesem "wenn, dann"? Nimmt der mich erst wenn er für sich entschieden hat, ob er mich nimmt, weil ich bin wie ich bin und er in der Lage ist mich so zu nehmen? Diese Aussage machte mich ziemlich wütend. Ich habe tagelang über diesen Satz nachgedacht und schließlich kam ich zu dem Schluss.
Da ist etwas sehr Wahres dran. Ich kann den anderen nur nehmen, wenn ich ihn nehmen kann wie er ist. Alles andere wäre genau das, was wir nicht wollen, nämlich als der genommen zu werden, der wir nicht sind. Ich will das nicht.