Freitag, 11. August 2017

Aus der Praxis – Wenn es verletzt, ist es dann keine Liebe?



Zeichnung: AW 2017

Wenn es verletzt ist es keine Liebe, heißt ein Buch von Chuck Spezzano.
Das klingt einfach, sehr einfach. Nur das weder das Leben noch wir Menschen einfach sind.
Warum also sollte es die Liebe zwischen zwei Menschen sein?
Weil uns das einer sagt, weil die menschenfremde Botschaft, dass wir Liebe und Verletzen trennen müssen, mittlerweile über den Kreis der Esoteriker heinausgedrungen ist? Mal ehrlich, wer von uns kennt eine Liebe, die ohne Verletzungen einhergeht? Es gibt sie nicht. Sie ist eine Illusion. Und wünschen wir uns eine Liebe ohne Verletzungen leben wir in einer Illusion.

Der heutige Mensch ist durchdrungen von einem Perfektionismus und einer Sucht nach Erfolg und Selbstoptimierung wie es sie zu keiner Zeit zuvor jemals gab. Und er liebt Ilusionen.
Er will alles glatt, problemlos und ohne sich anstrengen zu müssen. Er muss so sehr um seine monitäre Existenz kämpfen, dass ein emotionales Einlassen ein Zuviel bedeutet. Was also nicht einfach geht, was vielleicht sogar anstrengend ist, muss weg. Beziehungen müssen einen Benefit bringen aber bloß keine Probleme. Mittlerweile brauchen weder Männer noch Frauen einen Partner um gemeinsam in der Welt zu überleben. Beziehung ist wie der Milchschaum im Kaffee, es geht auch ohne. Partner sind Luxus und zum Luxus gehört eben auch, dass da nichts anstrengend ist und alles schön glänzt. Wir haben genug Probleme mit uns selbst mit unserem Alltag und all dem was wir meinen tun und erreichen zu müssen, also warum sich die Probleme des Anderen auch noch aufladen? Geteiltes Leid ist doppeltes Leid.

Jeder von uns bringt seine Probleme, seine Macken und seine Neurosen mit in die Beziehung. Jeder von uns bringt sein inneres Kind mit in die Beziehung, seine Beziehungserfahrungen aus der Ursprungsfamilie, seine alten Verletzungen oder gar seine Traumata aus der Vergangenheit seines gelebten Lebens. Da sind Zwei und mit der Beziehung entsteht ein Drittes, was die eigene Identiät und die des Anderen zwangsläufig beeinflusst und verändert.

Viele unserer Neurosen schlafen wenn wir alleine sind. Wir kommen gut mit ihnen und mit uns selbst klar, wir bemerken sie gar nicht. Aber wenn da plötzlich ein Anderer in unsere Komfortzone einbricht ist alles anders.
Wir erfahren, dass wir in der Konfrontation mit den Eigenarten, den Wünschen, den Bedürfnissen, den Verhaltensweisen und den Vorstellungen des Anderen unsere Komfortzone verlassen müssen. Wir müssen uns einlassen auf das fremde Wesen, das wir uns vertraut machen. Vorbei mit der Ruhe, die wir alleine so schön bewahren konnten, als da keiner war der uns "gestört" hat, der einen anderen Tagesrythmus hat, als wir ihn für uns ritualisiert haben. Da spricht uns plötzlich einer an bevor wir noch den ersten Schluck Kaffee getrunken haben, da ist einer der uns etwas erzählen will, während wir lieber schweigend den Tag beginnen. Da ist einer nicht gut drauf oder hat Sorgen und Ängste wo es uns gerade mal prima geht. Das tangiert unser Gefühlsleben. Das macht etwas mit uns. Das nervt im Zweifel, das ist vielleicht sogar lästig sobald die ersten Schmetterlinge den Bauch verlassen haben und die rosarote Brille der Tönung der eher grauen Wirklichkeit ausgesetzt ist. Da ist die Wirklichkeit des Fremden in unserem Leben, der uns noch eine lange Zeit, falls wir die mit ihm überstehen, fremd bleibt. Da sind seine Macken, da sind die Knöpfe, die er bei uns drückt und wir bei ihm, da sind die Erinnerungen an alte Beziehungen, an die Kindheit, an Bilder und Emotionen die wir längst vergessen oder verdrängt hatten oder die wir für geheilt hielten. All das und mehr sind Dinge, Zustände und Befindlichkeiten, die das Miteinander zweier Liebender auslöst. So kommt es zu Verletzungen, die wir, wären wir allein geblieben nicht erleben müssten. Und schon wird es ungemütlich.

Wir erkennen im Spiegel, den uns der Andere unbewusst und ungewollt Tag für Tag vorhält, was in uns gar nicht so entspannt, ruhig und geheilt ist, wie wir glaubten.
Wir erkennen, wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, dass wir nicht so frei von Neurosen sind wie wir dachten. Dann sind wir verletzt in der Liebe, durch die Liebe zum Anderen. In Wahrheit aber bringt die Liebe nur die Verletzungen zum Vorschein, die wir nicht geheilt haben, weil sie uns liebt.

Aber das verstehen wir nicht, das wollen wir nicht verstehen, weil es weh tut und dann glauben wir es ist keine Liebe und wir rennen weg von der Liebe, weil sie alles andere ist als das Perfekte, das Glatte, das Einfache, das sich unsere Illusion vom Liebesglück wünscht. Es passt halt nicht, denken wir, sagen wir und gehen weiter, zurück in die scheinbare Sicherheit des Alleinlebens. Bis zum nächsten Mal. Bis die Liebe wieder an unser Herz klopft und uns heilen will.


Kommentare:

  1. So erlebe ich es in meiner früheren Ehe diese unehrlichkeit mit sich selbst und meine jetztige Partnerschaft beruht nur aus Spiegelungen von anderen und reden dadrüber obs unbequem oder auch mal verletztend wirkt so hält sie aber prima. Alleinbleibens und das fördere ich nicht mehr an mir sondern mache Türe und Tore weit auf um eine Liebe die auch manhcmal verletzend sein rein lasse und raus gebe.
    Ein grossartiges Posting.

    Ich hatte vor kurzen ein Fall 100% Liebe bei Familie es ist ein Wunschdenken gerade für missbrauchte Frauen wie ich und andere und ich sgate da sgibt es nicht auch Kinder werdne mal verletzt weinen nicht im Sinne missbrauch oer gewalt nur was einfaches
    so auch erwachsene. Es war ein Aufstand ich sollte richtig hin schauen das würde es geben.
    Hier lese ich es von der illusion und die ist real dass es nicht gibt 100% Liebe und ich stecke in der reale Welt die ich mir nicht schön rede oder wünsche ... träume darf man haben warum auch nicht aber so in die Welt hinausblicken wo Partnerschaft kaputt geht und keine Kinder hat.Ich spreche aus Erfahrung mit Ehemann und Kinder 29 Jahre lang zusammen.
    Lieben Gruss Elke

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  2. „…. In Wahrheit bringt die Liebe nur Verletzungen zum Vorschein, die wir nicht geheilt haben…“ - liebe Angelika, ich danke dir für diesen Post, der mir nochmal geholfen hat, meine Gedanken und meine Wahrnehmung zu sortieren und zu ordnen und nach über vier Jahren etwas in mir abzuschließen.
    Dein Post hat meine Sicht der Dinge bestätigt und erweitert.
    Jeder Satz von dir ist so kostbar und …ich frage mich: Gehe ich zu weit, zu sagen: wenn es nicht weh tut, dann ist das keine Liebe?
    Es tut weh, wenn ich den Menschen in alles, was ich mit meiner Geschichte bin, reinlasse, wenn ich in mir diese unsichtbare Verbindung spüre, die mir den Menschen so nah, an die Schmerz Grenze bringt.
    Die Verletzung und der Schmerz sind Geschenk, die alte Wunden sichtbar machen…
    Und das mit den Neurosen… göttlich hast du geschrieben!
    Danke, liebe Angelika:))
    Alles Liebe von der Grażyna

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